Aleksij Mal’cev – der „Vater der deutschsprachigen Orthodoxie“

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Vor 90 Jahren starb Aleksij Mal’cev – der „Vater der deutschsprachigen Orthodoxie“

Wenn in orthodoxen Kirchen in Deutschland der Gottesdienst in der Landessprache gefeiert wird, so benutzt man in vielen Fällen ein Übersetzungswerk, das rund einhundert Jahre alt, aber aufgrund der Qualität seiner Übersetzung und vor allem seines Umfanges immer noch von besonderer Bedeutung ist – und das nicht wenige einfach als „den Maltzew“ bezeichnen.Wer aber war der Mann, nach dem das vielbändige Opus gern benannt wird? Wer war dieser russische Geistliche, der in gewisser Weise als „Vater der deutschsprachigen Orthodoxie“ bezeichnet werden kann?
Sicher, er war uns ist nicht der einzige und nicht einmal der erste, der Übersetzungen der liturgischen Texte der Orthodoxen Kirche ins Deutsche gefertigt und auch publiziert hat, aber durch die Intensität seiner Bemühungen um eine Bekanntmachung orthodoxen Gedankengutes, orthodoxer Theologie und vor allem orthodoxer gottesdienstlicher Texte in deutscher Sprache kommt ihm zweifelsfrei eine ganz besondere Bedeutung zu. Auch wegen seines pastoralen Wirkens unter den in Deutschland lebenden Orthodoxen nicht russischer, sondern auch anderer nationaler Herkunft gebührt ihm ein Ehrenplatz unter den hier vor dem I. Weltkrieg tätigen orthodoxen Geistlichen – und darunter waren immerhin so bedeutende Persönlichkeiten wie beispielsweise der spätere Rektor der St. Petersburger Geistlichen Akademie (1866-1883) und Spiritual der Kaiserlichen Familie (1883-1910), Protopresviter Ioann Janyšev (1826-1910).Und doch darf besonders der langjährige Berliner Gesandtschaftsgeistliche Probst Erzpriester Aleksij Mal’cev (1854-1916) zu denjenigen gezählt werden, denen eine Verwurzelung der Orthodoxie in Deutschland zu verdanken ist. Er kam schon 1886, nur vier Jahre nach seiner Priesterweihe, als 32jähriger nach Berlin, wo er bis fast drei Jahrzehnte – zum Kriegsausbruch 1914 – blieb. In dieser Zeit hat er die eingangs angeführte, bis heute im Hinblick auf Vollständigkeit und praktische Anordnung unübertroffene vielbändige Ausgabe der liturgischen Texte der Orthodoxen Kirche in deutscher Sprache, oft mit russisch-kirchenslavischem Paralleltext, ediert und somit die Basis für die Feier des Gottesdienstes in deutscher Sprache gelegt.Doch beschränkte sich seine Publikationstätigkeit nicht auf liturgische Texte: Vielmehr edierte er in den Jahren 1913/14 (bis zum Beginn des Weltkrieges) auch die erste, vierzehntägig erschei-nende orthodoxe Zeitschrift in Deutschland unter dem Titel „Die kirchliche Wahrheit – Cerkovnaja Pravda / Ein theologischer und kirchlich-gesellschaftlicher Auslandsbote“, welche zumeist in russischer, aber gelegentlich auch in deutscher bzw. sogar in beiden Sprachen nicht nur Berliner, sondern allgemein interessierende Ereignisse des gesamten Auslandsrussentums wie der Weltorthodoxie behandelte. Als Zielsetzung seiner Zeitschrift nennt Erzpriester Mal’cev selbst „das Offenlegen der Wahrheit der Orthodoxie im Vergleich mit den heterodoxen Konfessionen, die Erklärung der gegenwärtigen Strömungen des religiösen und kirchlich-gesellschaftlichen Lebens im Westen im Zusammenhang mit den theologischen Schulen und Richtungen“ und „eine Übersicht über das kirchlich-religiöse Leben in Russland“.

In diesen Jahren war Erzpriester Aleksij auch ein gefragter Gesprächspartner im Dialog mit anderen christlichen Kirchen, vor allem mit den evangelischen, römisch-katholischen und altkatholischen Theologen, die sich mit der Orthodoxie beschäftigten und mit denen er nicht selten in eine publizistische Auseinandersetzung eintrat, die auch heute noch Interesse verdient hat, denn viele der schon von Probst Mal’cev angesprochenen Vorurteile über die orthodoxe Kirche bestehen – vielleicht in abgemilderter Form – leider auch heute in westlichen theologischen Kreisen.

Bemerkenswert ist der Stil Vater Aleksij Mal’cevs: Sosehr er seine Positionen zu verteidigen weiß, sosehr vermeidet er stets billige Polemik. Dies gilt auch für jene Kirchen, denen er wenig Wohlwollen entgegenbrachte, da sie seiner Ansicht nach urkirchliche liturgische Praktiken und Glaubensgüter leichtfertig und überflüssigerweise aufgegeben hatten, nämlich den Anglikanern und Protestanten. Auch die Bewegung der Altkatholiken, die sich ja erst zu seiner Berliner Zeit richtig formierte, brachte er eher Unverständnis entgegen, denn er sah in ihnen vor allem Abweichler von der gemeinsamen altkirchlichen liturgischen Tradition des Ostens und des Westens. Aus dem gleichen Denken heraus schätzte er die römisch-katholische Kirche als die „Schwesterkirche“ des Westens, auch wenn er diesen heute geläufigen Ausdruck so noch nicht verwendet. Schon die Gegenüberstellung von „orthodoxer“ und „katholischer“ Kirche bereitete ihm erklärter-maßen Unbehagen und immer wieder klingt in seinen Veröffentlichungen die Grundüberzeugung von der letztendlichen Einheit beider Kirchen an: „Sicherlich hat der allmächtige Gott auch die Macht, die Differenzen zu beheben, welche zur Zeit [sic!] zwischen der orientalischen und occidentalischen Kirche bestehen, sobald er in seiner unerforschlichen Weisheit die Zeit für gekommen erachtet, >ut omnes unum sint<. … Und wir dürfen die freudige Zuversicht auf eine einstige Wiedervereinigung der getrennten Kirchen nicht aufgeben, da ja die Geschichte lehrt, daß ein volles Jahrtausend hindurch die gesamte katholische Kirche des Orients und Occidents einig war in der Liebe und im Glauben“.

Erzpriester Mal’cev war aber trotz aller publizistischen Aktivitäten und seiner Öffentlichkeitsarbeit kein Mann des religiösen Managements, sondern blieb in erster Linie Seelsorger: Im Gegensatz zu manch anderen orthodoxen Geistlichen, auch den meisten seiner Vorgänger in Berlin, kümmerte er sich nicht nur um russische Gläubige, sondern ebenso Intensiv auch um die deutschsprachigen Glieder der russischen Gemeinden in Berlin und in Potsdam und sorgte dafür, dass sein Mitarbeiter Anton Ferdinand Goecken (1845-1915), ein in den Kriegen von 1864 bis 1870/71 mehrfach ausgezeichneter Landwehroffizier und späterer Zivilbeamter, 1894 vom Erzbischof von Cholm und Warschau, Flavian (Gorodeckij), zum Priester geweiht wurde. Goecken war der Sohn eines preußischen Militärarztes jüdischer Abstammung, doch römisch-katholischer Konfession, der 1890 zur Orthodoxie konvertiert war und den Namen Vasilij (Basileios) angenommen hatte, und somit jetzt der erste und für längere Zeit auch einzige reinblütige Deutsche, der in seinem Heimatland orthodoxer Geistlicher geworden war. Zu dieser Zeit gab es in Deutschland bereits eine ganze Reihe von – mit nur wenigen Ausnahmen wie der griechischen Salvator-Kirche in München – russischen orthodoxen Kirchen. Allerdings waren die wenigsten von ihnen wirkliche Gemeindekirchen, sondern zumeist verdankten sie anderen Überlegungen ihre Entstehung. So handelte es sich teilweise um Grabkirchen in Deutschland verstorbener orthodoxer Persönlichkeiten fürstlichen Standes, von denen die 1861 erbaute „Griechische Kapelle“ auf dem Neroberg in der damaligen hessen-nassauischen Residenzstadt Wiesbaden wohl die bekannteste ist. Andere Kirchen dienten den russischen Gesandtschaften für ihre Gottesdienste, so in Berlin selbst die Kirche in der Russischen Botschaft Unter den Linden, an der Erzpriester Mal’cev hauptsächlich amtierte; wieder andere wurden in jenen Kurorten erbaut, in denen zahlreiche russische, aber auch reiche rumänische, bulgarische und griechische Gäste erwartet wurden. Nicht selten ging dabei die Initiative in erster Linie von den deutschen Kurverwaltungen aus, die sich durch die Errichtung einer solchen orthodoxen Kirche eine größere Attraktivität ihres Bades und eine Steigerung der Gästezahlen aus orthodoxen Ländern erhofften. Wieder andere orthodoxe Gottesdienststätten gingen zurück auf dynastische Verbindungen zwischen dem russischen Kaiserhaus und deutschen Fürstengeschlechtern und befanden sich daher auch zumeist in den Schlössern – so in Mecklenburg-Schwerin und Karlsruhe – oder in deren Nähe wie in Darmstadt, wo die 1899 erbaute kleine Kirche auf der Margaretenhöhe ein Geschenk des Großherzogs Ernst Ludwig an seinen Schwager, Kaiser Nikolaj II., und seine Schwestern, die russische Kaiserin Aleksandra und die – inzwischen als Neumartyrerin kanonisierte – Großfürstin Elizaveta Feodorovna, darstellt.
Unzweifelhaft aber war Berlin zu dieser Zeit die bedeutendste orthodoxe Gemeinde in Deutschland, wobei von Vr. Aleksij und Vr. Vasilij alle orthodoxen Christen der Stadt betreut wurden – ungeachtet ihrer Nationalität, denn bis 1905 gab es in der Hauptstadt des Deutschen Reiches nur die Hauskirche in der Russischen Botschaft Unter den Linden und die von dort mitversorgte Friedhofskirche der hll. Konstantinos und Helena in Tegel, zu denen also auch alle Griechen, Serben, Bulgaren und Rumänen kamen. Dann erst wurde eine eigene griechische Kirche „Agia Sophia“ in der Oranienburger Straße errichtet, welche mit dem zuvor in Chicago tätigen Archi-mandriten Nektarios Maurogordatos und dem zum Studium an die Berliner Universität entsandten Diakon Polykarpos Thomas auch eigene Seelsorger fand.Von der Aufgeschlossenheit Probst Mal’cevs für die Bedürfnisse aller Orthodoxen wie für eine gute Zusammenarbeit mit allen Christen zeugt auch die von ihm ins Leben gerufene „St.-Vladimir-Bruderschaft“, die 1890 unter dem Protektorat des Großfürsten Vladimir und dem Ehrenpräsidium des Kaiserlich Russischen Botschafters zu Berlin gegründet worden ist. Sie hatte nämlich zum einen das Ziel aktiver Sozialarbeit, nämlich „den hilfebedürftigen russischen Untertanen aller christlichen Glaubensbekenntnisse, wie auch Personen orthodoxen Glaubensbekenntnisses aller Nationalitäten Hilfe zu leisten, und zwar … hauptsächlich durch die Herstellung einer Arbeitsmöglichkeit (von drei bis vier Wochen) auf dem der Bruderschaft gehörigen Land bei Berlin“, zum andern „Mittel für die Errichtung von orthodoxen Gotteshäusern aufzubringen“.

Die Aufbauarbeit Probst Mal’cevs, der sogar den Rektorenstuhl der St. Petersburger Akademie und den Bischofssitz von Nordamerika ausgeschlagen hatte, um in Deutschland bleiben zu können, wie auch anderer russischer Geistlicher wurde durch die Kriegserklärung des Deutschen Reiches an Rußland vom 1. August 1914 abrupt unterbrochen. Allenthalben kam das russische Gemeindeleben in Deutschland zum Erliegen – und damit auch fast die gesamte orthodoxe Seelsorge, denn mit Ausnahme der griechischen Gemeinden in Berlin und München wie der zur inzwischen rumänischen Metropolie der Moldau gehörigen Grabkirche in Baden-Baden unterstan-den alle orthodoxen Gotteshäuser im Deutschen Reich der Russischen Kirche, und zwar bis 1907 direkt dem Metropoliten von St. Petersburg, dann (bis 1911) einem ihm unterstellten Vikarbischof mit dem Titel „Bischof von Kronstadt und Vikar von Westeuropa“. Nach Kriegsausbruch jedoch mussten die meisten russischen Geistlichen unverzüglich das Land verlassen, und die Gebäude wurden zwar nicht beschlagnahmt, aber in der Regel von deutschen Dienststellen zwangsweise verwaltet. Die noch verbliebenen Restgemeinden unterlagen strengen Restriktionen von deut-scher Seite. So stellte etwa die Königlich-Sächsische Polizeidirektion in Dresden am 30. März 1915 fest, dass „gewisse sicherheitspolitische Bedenken gegen die Wiederaufnahme des Gottesdienstes in der hiesigen russischen Gesandtschaftskirche insofern bestehen, als der in russischer Sprache stattfindende Gottesdienst sich nicht genügend darauf würde überwachen lassen, ob er etwa in antideutschem Sinne abgehalten und zu Fürbitten für den Sieg der russischen Waffen benutzt werden wird“.

Auch Probst Mal’cev musste, sogar unter entwürdigenden Umständen, sein geliebtes Deutschland verlassen: Er, der auf alle ehrenvollen Berufungen verzichtet hatte, um in seinem geliebten Berlin bleiben zu können, wo er dem deutschen Publikum jene Kenntnis über die Orthodoxie vermitteln wollte, die „im westlichen Europa selbst unter den Theologen bisher theils wenig, theils einseitig verbreitet war“, wurde von seinem Arbeitsfeld getrennt. Schon seit Jahren schwer an Diabetes leidend, hat er diesen Schlag nicht mehr verwunden: Zwar versuchte er, von Moskau aus, wo er im September 1914 eine Wohnung fand, seine Publikationsarbeit fortzusetzen, aber der Krieg und seine Krankheit drückten so auf seine Schaffenskraft, dass diese Pläne mißlangen. Ende Januar 1915 mußte er sich zur Kur nach Kislovodsk begeben und dort starb er auch in der Nacht vom 28./29 April 1915 – übrigens fast auf den Tag genau einen Monat nach seinem treuen Mitstreiter Priester Vasilij Goecken. Mal’cevs sterbliche Hülle wurde nach St. Petersburg überführt und auf dem Friedhof der Lavra des hl. Aleksandr von der Neva beigesetzt, wo sein Grab unter den Verunehrungen während der Sowjetzeit ebenso zu leiden hatte wie alle anderen Gruften dort. Sein Gedenken aber bleibt in Deutschland lebendig, zumindest immer dann, wenn wieder ein liturgischer Text „aus dem Maltzew“ erklingt!

Hypodiakon Nikolaj Thon

© Russisch-Orthodoxe Kirchengemeinde zu Essen ::: rok-essen.de ::: 2005-08

 

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