In der Begegnung mit der nichtorthodoxen Gesellschaft

Überlegungen zur Aufgabe der Orthodoxen Kirche heute

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Metropolit Antonij von Sourozh (†2003)

Zwölf Apostel zogen in der Kraft des Heiligen Geistes hinaus in die Welt. Sie wurden begleitet oder umgeben von einer kleinen Gruppe von Jüngern, insgesamt 70 Männer und Frauen. Und sie bekehrten die Welt, nicht sofort, aber durch sie begann eine Welle von Verständnis, Weisheit, Erneuerung des Lebens, die die ganze Welt anders machte, als sie in den Tausenden von Jahren davor gewesen war. Es gibt inzwischen Millionen von Christen verschiedener Konfession, und dennoch scheint das Christentum unseretwegen, der Christen wegen, zunehmend an Bedeutung zu verlieren. Da besteht eine riesige Gesellschaft, die lebt, handelt, denkt, schafft in einer Welt, die anscheinend nichts mit dem Evangelium zu tun hat. Ich sage anscheinend, weil es nicht ganz wahr ist. Die Grundlagen, auf denen sogar gottlose Gesellschaften aufgebaut sind, haben sehr oft christliche Wurzeln. Das Christentum brachte eine Idee in die Welt, die so in der Antike nicht existierte: der absolute, entscheidende Wert einer Person, eines jeden einzelnen. In der Vergangenheit gab es Herren und Sklaven; nun gibt es menschliche Wesen, Männer, Frauen, Kinder, jeder ist einzigartig – und jeder von uns, auch wenn wir dies nicht immer wissen mögen, hat einen absoluten Wert und Bedeutung in den Augen Gottes, und dadurch sogar in den Augen der Gesellschaft.

Und dennoch sind wir irgendwie unbedeutend geworden. Ich greife euch nicht an, ich kritisiere nicht die Kirche, aber ich denke, es gibt bestimmte Dinge, die wir in Betracht ziehen sollten, über die wir nachdenken sollten und sehen sollten, wo wir im Hinblick auf diese stehen.

Missionare und Pilger

Die erste Generation der Christen, die Apostel, die Jünger und die, welche von ihnen bekehrt worden waren, waren auf einem Pilgerweg. Es war keine sesshafte Gemeinschaft; die ersten Christen waren Menschen, die von Ort zu Ort zogen, um anderen die unaussprechliche Freude des neuen Lebens in Christo und im Heiligen Geist zu bringen. Andererseits bildeten die, welche sich an einem Ort fest niederließen, keine nach innen gerichtete Gemeinschaft, keine in sich selbst verschlossene Gruppe, sondern eine Gemeinschaft von Menschen, die draußen nach den verlorenen Schafen des Königreiches Gottes schauten.

Das ist etwas, was wir verloren haben. Zwar haben alle Kirchen in der einen oder anderen Weise Missionen unterhalten. Es fällt aber auf, dass diese Missionare viel zu oft mit einem Gefühl von beleidigender, verletzender, arroganter Überheblichkeit in die Welt zogen. Sie zogen in die Welt, um das zu geben, was sie besaßen, ohne zu merken, dass sie nichts besaßen, dass alles, was sie tun konnten, war, dem hl. Paulus zu folgen, der, als er die ungeheure Größe, die unglaubliche Schwierigkeit seiner Mission erkannte, sich an Gott wandte um Stärke, und der Herr sagte zu ihm: „Meine Gnade genügt dir; meine Kraft entfaltet sich in deiner Schwachheit.“ Und die kleine Gruppe der Gläubigen, der Christen, die in die Welt zog, indem sie Christi Auftrag folgte „Geht und bringt das Evangelium allen Völkern“, sie wussten, dass sie schwach waren, schutzlos, und dass sie auf keine Kraft zählen konnten außer auf die Gottes. Der hl. Paulus sagte, dass er sich nichts rühmen würde außer seiner Schwachheit, so dass alles, was geschehe, eine Tat Gottes sei.

Dies war aber später sehr häufig nicht die Einstellung christlicher Missionare; die Missionsbewegung im Christentum ist leider oft keine Bewegung von Menschen, die ihren Nächsten so lieben mit der Liebe Gottes, dass sie in die Welt ziehen, bereit zu sterben, damit andere leben, dass sie in die Welt ziehen in all ihrer Schwachheit, wissend, dass sie nichts tun können, Gott aber alles.

Es gibt eine Episode im Leben des hl. Stefan von Perm, einem der frühen russischen Missionare. Er entdeckte in der Gegend von Perm heidnische Menschen mit einer Sprache, die anders war als die der Slaven, und die daher nicht vom Evangelium erreicht werden konnten. Er lernte ihre Sprache und zog aus in diese Gegend bei Perm, wo er anfing, mitten unter ihnen zu beten. Die ansässigen Schamanen wollten ihn vernichten und sandten eine bewaffnete Gruppe von Männern aus, um ihn zu töten. Sie kamen zurück, und der Schamane sagte: „Ist er tot?“ – „Nein“, sagten sie, „wir konnten ihn nicht töten; als wir ihn von Angesicht zu Angesicht sahen war solche Liebe und Offenheit in ihm, dass wir niederknieten und um seinen Segen baten.“ Das ist wirkliche Mission!

Auf der anderen Seite möchte ich als Kontrast an einen westlichen Missionar erinnern, der nach Indien ging und an seinen Vorgesetzten in Spanien schrieb: „Sendet uns Priester; er ist egal, wie schlecht sie sind; alles tut es für diese Wilden.“ Er hatte nichts gesehen von der Tiefe, von dem Reichtum, von der Schönheit, die dort war. Irgendein Priester tut es! Das ist etwas, was wir nicht im Evangelium finden. Was einige Missionare brachten war nicht das Evangelium, nicht die Freude eines neuen Lebens, nicht ein Zusammenkommen mit dem lebendigen Gott. Was aber bemerkenswert, sogar einzigartig ist in der Predigt der frühen Missionare, der Apostel, ist das, was der hl. Johannes sagt: „Wir reden davon, was unsere Augen gesehen, unsere Hände berührt, unsere Ohren gehört haben.“ Sie sprechen von ihrer Erfahrung. Man mag sagen: „Sie waren mit Christus zusammen, sie konnten davon reden, was sie in ihm sahen“, aber das ist nicht die ganze Wahrheit, denn Tausende Menschen trafen Christus auf den Straßen des Heiligen Landes, aber sehr wenige sahen ihn. Ihre Augen waren blind. Sie sahen eine äußere Form, sie hörten seltsame, verwirrende, herausfordernde Worte, aber keine Worte, die ihr Innerstes berührten und sie zu neuen Menschen machte. Als Christus davon sprach, dass er Brot als seinen Körper gab, verließen ihn die, die um ihn herum waren, und er wandte sich an seine Jünger und sagte: „Wollt auch ihr mich verlassen?“ Und Petrus sagte zu ihm: „Wohin sollten wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.“ Und wenn man das Evangelium liest, so sieht man, dass es nicht einen einzigen Abschnitt im Evangelium gibt, in welchem der Herr das ewige Leben beschreibt. Da und dort deutet er durch ein Wort an, das ist das ewige Leben, aber er gibt nicht die Art von Bilder, die wir in der mystischen Literatur finden. Die Worte des Petrus bedeuten, dass, wann immer man spricht, die Worte das Innerste unseres Wesens treffen müssen, wie zwei Steine, die zusammengeschlagen werden und dabei einen Funken hervorbringen. Wenn das Innerste unseres Seins so getroffen ist, dann blüht, dann lodert das ewige Leben auf, das in uns schläft. Das ist es, was die Apostel taten, was die frühen Christen taten, denn ihre Erfahrung war eine persönliche Erfahrung, mit dem lebendigen Gott von Angesicht zu Angesicht zusammenzukommen. Ich meine nicht, dass sie Christus im Fleische trafen; ich meine, dass sie in ihrer Erfahrung Gott kannten durch Christus und durch die erleuchteten Apostel. Wenn Paulus von Gott sprach, wurde er verklärt, und es gibt ein altes Manuskript, welches besagt, dass Paulus, wenn er sich ausruhte, wenn er einfach er selbst war, häßlich wie ein Teufel war, aber wenn er von Gott sprach, dass er dann mit einem Licht leuchtete wie ein himmlischer Engel.

Fürchtet euch nicht

Wenn die Apostel von Ort zu Ort zogen, wechselten sie nicht einfach den Platz; sie zogen von Ort zu Ort mit der Neuheit des Lebens, das sie an andere weitergeben konnten. Wie ist das mit uns? Geben wir irgend etwas weiter an die Menschen, die wir treffen, die um uns herum sind? Uns, der christlichen Gemeinde, wurde zuteil, dass mit der Anerkennung des Christentums durch Konstantin und der folgenden Verbreitung die christliche Gemeinde abgesichert und seßhaft wurde. Und diese beiden Dinge sind übel. Abgesichert meint, dass wir nicht bemerken, wie gefährlich die Pfade sind, die wir austreten. Wir bemerken nicht, dass wir nicht einfach ein Schiff bestiegen haben, das uns über den Ozean des Lebens zum ewigen Leben trägt. Jeder Schritt ist eine Herausforderung. Jeder Schritt ist eine Gefahr. Jeder Schritt ist ein Risiko. In jedem Moment ist das Böse vor uns – und Gott ist mit uns. Und wir vergessen zu oft, dass die Macht Gottes größer als alle Macht des Bösen ist. Hermas, einer der Siebzig, sagt in einem seiner Briefe: „Denke daran, niemals die Macht des Bösen mehr zu fürchten als du in die Macht und Liebe Gottes vertraust.“ Ja, das ist ein Element, das die Apostel bringen konnten, denn in der heidnischen Gesellschaft, in der sie lebten, hatten die Menschen große Angst vor dem Bösen, vor bösen Mächten, vor Satan. Und die Apostel kamen und sagten: „Fürchtet euch nicht; Christus hat überwunden. Der Teufel ist besiegt. Wenn ihr mit Ihm seid, seid ihr unbesiegbar.“ Das ist etwas, was wir heute nicht oft hören.

Martyrium und Sicherheit

Heute klammern sich die Menschen aneinander und schauen nicht nach draußen; sie haben Angst, ihr Leben zu leben, in das Unbekannte zu gehen, solche von Angesicht zu Angesicht zu treffen, die sie zurückweisen oder sie gefährden. Doch der französische Prediger Bossuet sagte zu Recht einmal: „Wie tröstlich ist es zu hören, dass praktisch in jeder Kirche Priester über das Martyrium predigen. Denn wenn das Martyrium gegenwärtig ist, spricht man nicht davon, man erleidet es. Wenn so viel von Martyrium geredet wird, dann heisst das, dass wir uns sicher fühlen. Ach!“ Wir merken, dass wir sicher sind.

Aber wir sind auch sesshaft in einer anderen Weise. Wir sind auf einem Platz eingerostet. Wir haben christliche Gemeinden gegründet, die nicht nach draußen schauen. Wir haben Gottesdienste, und viele Menschen fühlen, dass die Gottesdienste der Mittelpunkt sind; Menschen kommen zum Gottesdienst am Sonntag und rufen aus: „Wenn es nur möglich wäre, nicht den Bezirk dieser Kirche verlassen zu müssen, denn draußen ist eine fremde Welt“, und wir vergessen, dass Christus zu uns sagte: „Geht wie Schafe unter die Wölfe, geht in die Welt und macht Jünger aus allen Nationen.“ Das ist und war die Erfüllung der Liturgie. Wenn wir in der Liturgie in Gemeinschaft mit dem Heiligen Geist und mit Christus getreten sind, dann ist es unsere Aufgabe, hinauszugehen und die Ehre, die Freude und die Liebe daraus anderen zu bringen. Leider hat sich eine Mentalität unter uns entwickelt, nämlich abgesichert sein zu wollen innerhalb der Mauern der Kirche, in den Grenzen einer christlichen Gemeinde.
Hinauszugehen ist gefährlich, aber das ist genau das, was wir tun sollten, und wir haben es vergessen!

Mönchtum und die Hingabe des eigenen Lebens

Es begann früh in der Kirche: In dem Moment, in dem wir Christen wurden, änderten sich viele Dinge. Die Männer und Frauen, die bereit waren, für Christus zu leben und zu sterben, waren von anderem Format als die vielen, die sich der Kirche anschlossen, weil sich der Kaiser ihr angeschlossen hatte. Wenn auch sie jetzt der Kirche beigetreten waren, wollten sie abgesichert sein, aber sicher worunter? Unter Gott? Nein. Sehr oft unter der Autorität der kaiserlichen Macht.

Und in diesem Moment geschah noch etwas anderes: Dies war nämlich zugleich der Anfang des Mönchtums. Männer mit wagemutigem Geist verließen die Städte und die Bequemlichkeit eines staatlichen Christentums, um in die Wüste zu gehen, um das Böse in sich selbst zu bekämpfen und das Böse, das sich ringsherum ausbreitete. Vater Georgij Florovskij betont das Faktum, dass diese Menschen nicht davonliefen vor einer immer noch heidnischen Gesellschaft; sie liefen nicht vor Verfolgung davon. Sie liefen davon vor einem Christentum, das „sein Salz verloren“ hatte. Sie gingen davon, weil die christliche Gemeinde ihre Würze verloren hatte; sie war nicht mehr der heldenmütige Körper, die sie im Anfang gewesen war. Das ist der Anfang des Mönchtums – und es war sein Antrieb durch all die Zeiten. Auch noch heute sollte dies die Einstellung eines jeden sein, der das monastische Leben annimmt. Wir lehnen es ab, das blutarme, schwache, verantwortungslose Verhalten einer sesshaften Gemeinschaft hinzunehmen. Wir wollen alleine sein mit Gott, uns mit Gott gemeinsam in alle Situationen begeben, die seine Gegenwart und die Hingabe unseres Lebens brauchen. Wenn ich von der Hingabe unseres Lebens spreche, dann meine ich nicht das Sterben; zu manchen Zeiten mag es wichtiger sein, eine lange Zeit in Umständen zu leben, die tragisch oder schmerzhaft sind, als sofort zu sterben. Ein russischer Bischof, ein Held der Jahre der sowjetischen Verfolgung der Kirche, sagte oft, dass es zu manchen Zeiten die Pflicht des gläubigen Christen ist zu überleben. Seitdem Kain Abel tötete, haben alle Kains der Welt versucht, alle Abels der Welt zu töten, aber die Abels der Welt haben eine Aufgabe zu erfüllen, und wir haben gelernt, solange zu überleben wie es nötig ist, um diese Aufgabe zu erfüllen ohne Kompromisse, und Gott zuzugestehen, den Augenblick zu bestimmen, an dem wir getötet werden. Und Abel wurde getötet.

Narren in Christo und Pilger

Zu anderen Zeitpunkten traten Narren in Christo auf. Auch sie wiesen die sichere sesshafte Einstellung zurück. Wenn man die Geschichte des byzantinischen Reiches oder Russlands betrachtet entdeckt man, dass die Narren in Christo in größerer Zahl dann auftraten, wenn der Staat, das Imperium begann, sein Recht zu behaupten, eine sichere Gesellschaft aufzubauen. In diesem Moment traten die Narren in Christo auf, die ein Angriff auf alles waren, was Sicherheit ist.

Sie benahmen sich wie Narren, wogegen wir alle unseren Verstand hegen. Wir wollen sicher sein, wir wollen, dass unser Verstand funktioniert, denn der Verstand kann nicht zerstört werden außer gemeinsam mit unserem physischen Körper. Aber sie lehnten es ab, sich in einer von der Gesellschaft akzeptierten Art und Weise zu benehmen, weil der Staat und die Kirche im Staat ein bestimmtes Verhalten vorschrieben, eine bestimmte Art zu sein, die nicht länger akzeptabel war.

Später findet man in Russland und anderen Ländern Pilger; Menschen, die von einem heiligen Platz zu einem anderen wanderten oder lange Zeiten in der Weite Russlands verbrachten, um völlig alleine mit Gott zu sein und Plätze zu besuchen, wo sie einen Funken des Göttlichen finden konnten. Diese Menschen lehnten die Sicherheit eines sesshaften Lebens ab, weil dies ein Ort von äußerster Unsicherheit war, weil ihre alleinige Sicherheit Gott war. Und Gott ist ganz unsicher für uns, wenn wir unterstützt, gehalten, beschützt werden wollen. Sie zogen in ein Abenteuer mit letztem und völligem Risiko.

Besitzen und Besessen werden

Man mag fragen, was wir tun können. Wir können nicht alle Pilger werden oder Narren in Christo, wie „närrisch“ wir auch sein mögen. Es ist auch nicht die Frage nach dem Maß dessen, was wir besitzen. Es ist die Frage nach unserer Einstellung. Besitz ist eine Art von besessen werden, und man mag besessen werden von einer sehr kleinen Sache. Und so leben wir alle in einem geringeren oder größeren Maße.

Im Evangelium finden wir einen Abschnitt von großer Wichtigkeit, die Geschichte vom König, der seine nächsten Freunde zur Hochzeit seines Sohnes einlädt. Einer entschuldigt sich, weil er fünf Gespanne Ochsen gekauft hat, ein anderer sagt ab, weil er gerade selbst geheiratet hat. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass ich nicht alleine Land gekauft habe, sondern dass ich denke es zu besitzen. Ich bin wie ein Baum, der sich nicht wegbewegen kann von seinem Wurzelplatz. Ich habe fünf Gespanne Ochsen, das bedeutet, ich habe etwas zu tun im Leben, und das ist wichtiger als alles andere, als Freundschaft, als Liebe, als Großzügigkeit, als Opfer. Ich muss meine Arbeit tun. Ich habe jemanden geheiratet, mein Herz ist voll, ich habe keinen Platz mehr in meinem Herzen für die Freude eines anderen. Und wer sind nun die Eingeladenen? Der König schickt seine Diener, um Bettler herzubringen, ausgestoßene Menschen, die gerufen sind, in die Gegenwart des Königs zu treten, und sie kommen mit dem Gefühl der Furcht und des Zitterns: „Wir, in unseren Lumpen, wir, die wir ein Leben des Stehlens und Bettelns und der niedrigen Moral führen, wie können wir in die Gegenwart unseres Königs treten?“ An der Tür werden sie von den Engeln Gottes empfangen, die zu ihnen sagen: „Kommt, wir wollen eure Kleider wechseln, wir wollen eure Körper baden, wir wollen eure Haare kämmen, und dann werdet ihr würdig vor das Angesicht des Königs treten.“ Nur einer lehnte ab und sagte: „Ich war zum Essen eingeladen, nicht zum Baden und Verhätscheln; ich will mein Essen.“ Und dieser wird hinausgeworfen.

Das ist sehr oft unsere Einstellung. Wir haben ein Grundstück gekauft, wir haben Ochsen, wir haben Bindungen, wir können unser Leben nicht geben für etwas, das über uns und unsere Unterjochung hinausgeht. Das heisst nicht, dass wir nicht frei sein können. Die Frage ist, ob man gebunden ist oder nicht. Es ist ein Unterschied zwischen Liebe und Bindung. Man mag der Sklave einer Beziehung sein, aber man kann frei sein darin.

Liturgie

Dieser Prozess geht tief in unsere Kirche hinein, weil auch unsere liturgischen Formen durchdrungen sind von der Wirkung unserer Beziehung zum Staat. Unsere orthodoxe Liturgie ist stark beeinflusst vom byzantinischen Hofzeremoniell. In der frühen Kirche gab es eine Vielzahl von Formen. In Byzanz musste die Liturgie des Kaisers und des Hofstaates würdig sein. Und so wurde sie in einer solchen Weise geformt, dass sie den Formen entsprach, die dem kaiserlichen Hof vertraut waren. Das Ergebnis war die großartige Liturgie, die wir besitzen.
Aber es ist ein Fehler zu denken, dass dies die einzige Form sei, denn in den frühen Jahrhunderten gab es eine Anzahl von Liturgien, die alle zur gleichen ungeteilten christlichen Kirche gehörten. Da gab es die Liturgie von Rom, des hl. Gregors des Dialogen, da gab es die Liturgie des hl. Ambrosius von Mailand, da gab es die Liturgie von Lyon, da gab es die arabische Liturgie, da gab es die Liturgie des hl. Germain von Paris und eine Zahl von anderen. Sie alle waren grundsätzlich identisch, weil jede von ihnen das gleiche Herzstück hatte. Aber sie waren unterschiedlich in der Form, im Ausdruck, und sie entsprachen einer Freiheit, die wir sehr oft verloren haben, einer Freiheit, die der Kultur sowohl des jeweiligen Ortes als auch des sozialen Kontextes entsprach. Wir müssen lernen, in der Liturgie zu beten, von allen unseren Gottesdiensten den Reichtum, den sie geben können, zu empfangen, aber nicht ihre Sklaven zu sein.

Tradition als lebendige Erinnerung

Ich möchte eigentlich gar nichts sagen über die Bedeutung der Tradition. Wann immer jemand es wagt, die kleinste Änderung in den Angelegenheiten der Kirche vorzuschlagen, wird er angeklagt, mit der Tradition zu brechen. Und hier ist es wichtig für uns, die Tradition zu hüten, aber ebenso wichtig ist es, sie auch richtig zu verstehen und nicht Gefangene und Sklaven falscher Tradition zu werden.

Tradition ist etwas, das uns weitergegeben wurde von Anfang an, von einer Generation zur nächsten. Aber was uns weitergegeben wurde, ist die Substanz und die Bedeutung, nicht die Form. Ein russischer Bischof schrieb in den frühen Jahren der Emigration, dass es nicht zulässig sei, in einer westlichen Sprache zu zelebrieren, weil die meisten Häresien ihren Ursprung im Westen gehabt hätten, und er vergaß dabei, dass es genug Häretiker in Byzanz und sonstwo im Osten gab! Wenn Tradition in diesem Sinne verstanden wird, dann wird man ihr Gefangener.
Tradition ist die lebendige Erinnerung der Kirche. Wir alle haben eine Erinnerung, aber häufig, zu häufig, vergessen wir unsere Vergangenheit. Die Kirche vergisst nicht. Die Kirche hat eine ewige, unerschütterliche Erinnerung. Aber Erinnerung heisst nicht, dass nichts neues zu unserer Erfahrung hinzukommen kann. Die Erinnerung drängt uns nicht rückwärts bei jedem Schritt. Es ist eine Erfahrung, die schrittweise gewachsen ist in neue und weitere Erfahrung, wurzelnd in Gott und inspiriert durch den Heiligen Geist. Was die Kirche tut, ist, bei jedem Schritt ihrer Entwicklung und ihres Lebens nach dem, was der hl. Paulus „den Geist Christi“ nennt, zu sehen. Auf die Lehre des Heiligen Geistes zu hören, und der Heilige Geist ist immer jung, immer neu, immer modern. Sie sagt uns nicht so zu leben, wie man im 12. Jahrhundert lebte. In einer Diskussion mit einer Gruppe russischer Bischöfe über die Frauenordination artikulierte der älteste Bischof den folgenden Schluss:

„Ich habe keine Antwort in dieser Angelegenheit, aber es geschah nicht in der Vergangenheit und daher sollte es auch niemals in der Zukunft passieren.“ Ob es geschehen sollte oder nicht ist eine andere Frage. Aber das es bislang noch nicht geschah, ist für sich genommen kein Grund:

Tradition ist die lebendige Erinnerung von fast 2000 Jahren Christentum, lebendig und lebendig erhalten durch die Tat und die Inspiration des Heiligen Geistes, und stark, unerschütterlich gemacht durch das Wort und die Person Christi.

Traditionalismus hingegen ist das, was ein katholischer Theologe in Amerika beschrieben hat als tote Erinnerung, die von den Lebenden bewahrt wird; Traditionalismus, das sind Erinnerungen an Dinge, die nicht mehr in der Wirklichkeit existieren, die aber bewahrt werden, völlig sinnlos, aber dennoch geschätzt. Dies ist Häresie. Dies verleugnet die Tatsache, dass die Kirche lebendig ist. Der hl. Hermas spricht in seinem ersten Besucher von dem Zusammentreffen mit einer Frau von ausgesprochener Schönheit, mit dem Gesicht einer Jungfrau und mit weißen Haaren. Er sagt zu ihr: „Wer bist du?“ Und sie antwortet: „Ich bin die Kirche.“ „Wie kommt es, dass du so jung bist? Du existierst doch schon so lange.“ Sie antwortet: „Ich habe die Jugend der Ewigkeit.“ „Aber warum hast du dann weiße Haare?“ Und die Antwort kam: „Weil ich das Haar der Weisheit habe.“ Und genau das ist es, was die Kirche sein sollte – nicht ein vages, formloses Konzept: Sie, ich, wir. Das ist die Kirche. Und wir sollen die Jugend der Neugeborenen in Ewigkeit haben und die Weisheit der Jahrhunderte vor uns besitzen – und noch mehr die Weisheit Gottes, die in die Ewigkeit reicht.

Leitung und Dienst

Ein paar Worte abschließend noch zur Struktur der Kirche. Die Struktur der Kirche entstand durch das Kopieren der Strukturen des kaiserlichen Staates, der strikt hierarchisch ist. Aber nach Vater Sophrony ist der Staat wie eine Pyramide, die auf ihrer Basis steht, wogegen die Kirche wie eine Pyramide ist, die auf ihrer Spitze steht. Und diese Spitze ist nicht ein Mensch, nicht ein Hierarch, nicht ein Bischofskonzil. Diese Spitze ist der Herr Jesus Christus, der alleine der Kopf sein kann, die oberste Spitze der Kirche; und dann, Schicht um Schicht Menschen, die Christi eigene Nächstenliebe praktizieren, tragen auf ihren Schultern all das Gewicht der Pyramide. Wenn wir von Hierarchie sprechen müssen wir Christi Worte bedenken: „Ich bin in eurer Mitte wie ein Diener“, und die von uns, die wünschen in Christo zu sein, müssen lernen Diener zu sein – und sonst nichts.

Aber im historischen Ablauf hat sich eine Hierarchie der Macht entwickelt: eine Hierarchie, die befehlen kann, nicht weil das, was sie sagt, überzeugt, sondern weil das, was sie sagt, erzwungen werden kann. Wenn wir in der Kirche einfach nur eine Hierarchie der Macht sind, weil wir verschiedene Titel und Ränge haben, ist das eine Verneinung der innersten Substanz und des Lebens der Kirche. Wir wissen, wie oft Heilige „ohne Bedeutung“ Führer waren für Menschen, die hierarchisch oder sozial weit über ihnen standen. In der Kirche muss Macht ersetzt werden durch Dienst, durch Diakonie, und solange wir fortfahren, an die Macht der Hierarchie zu glauben und nicht an den Dienst der Hierarchie, sind wir keine Kirche im Sinne des Evangeliums.

Das bedeutet, dass wir die Situation der Laien, des Klerus und des Episkopates völlig neu zu bedenken haben. Zuerst traten einige Zeit nach Christi Himmelfahrt Diakone auf. Sie waren nicht von Christus eingesetzt. Sie wurden von den Jüngern, von den Aposteln, für eine bestimmte Aufgabe berufen. Sie gehören nicht zum ursprünglichen Evangelium, das wir lesen. Dann kamen die Presbyter, die die Nachfolger der Apostel waren, und dann kam ein höherer Dienst an Gnade und Funktion. So ist es also nicht das Evangelium, dem diese Hierarchie der Kirche entsprang. Die Kirche kannte nur eines: der Körper Christi zu sein, der Tempel des Heiligen Geistes, die geschichtliche Weiterführung der Menschwerdung und der Stimme des Geistes, der uns lehrt zu verkündigen, was Christus uns gelehrt hat. Es ist das Volk Gottes, wie wir in der Epistel finden „ein königliches Priestertum“, das alles, was es berührt, segnet, das alle Dinge heiligen kann, indem es zuerst sich selbst heiligt, und dann alles, das es berührt und tut in Heiligkeit bringt, bis Gott „alles in allem“ werden kann. Der hl. Basileios erinnert uns daran, dass „jeder regieren kann, aber nur der König sein Leben für seine Untertanen geben kann“, und jeder von uns ist in dieser Hinsicht ausgestattet mit dem Königtum Christi, d.h. nach seinem Befehl für unseren Nächsten und für das Heil der Welt zu sterben. Das ist das Laientum, der gesamte Körper Christi, und in ihm gibt es Ämter, aber nur in ihm. Es ist sehr wichtig sich daran zu erinnern, dass wir alle Laien sind und dass Bischöfe Laien mit episkopaler Gnade sind. Wir behaupten, Glieder des Leibes Christi zu sein, und wenn wir Glieder davon sind in einer einzigartigen Weise, dann ist es in dem Maße, in dem wir bereit sind, unser Leben für andere zu geben.

Freiheit, Gehorsam und Glaube

Einige letzte Worte zu Freiheit und Glauben. Wir wissen sehr oft nicht, was Freiheit bedeutet, weil wir viel zu häufig über die Tugend des Gehorsams belehrt wurden. Gehorsam wird in der Kirche zu oft verstanden als Knechtschaft, als Unterwürfigkeit, als die Bereitschaft, sich kommandieren zu lassen und zu gehorchen. Aber das ist nicht Freiheit. Wahrer Gehorsam ist ganz anders: Gehorsam kommt vom Hören und Zuhören, und Gehorsam in seinem ureigensten Sinn ist eine Schule des Hörens, nicht eine Schule des Tuns, dessen was einem gesagt wird. Es ist eine Art des Lernens von jemandem, der mehr Erfahrung hat, etwas, das uns erlauben wird unsere eigene Erfahrung auszuwachsen und durch die Aufgabe unseres eigenen Willens, unserer eigenen Vorurteile, unserer eigenen Engstirnigkeit zum Maße dessen, der uns lehrt, auszudehnen; wir müssen nach und nach lernen, um fähig zu werden, auf die Stimme des Heiligen Geistes in uns zu hören. Und wenn wir das Evangelium lesen, dürfen wir nicht einfach nur seine Worte und Gebote hören, sondern die Stimme der Wahrheit, die uns erreicht und uns umwandelt und umgestaltet. Freiheit hört dann auf, das Gegenteil von Gehorsam zu sein. Das Wort Freiheit kommt von dem SanskritWort priyia, was in seiner Verbform lieben und geliebt werden bedeutet und in seiner Nominalform „mein Geliebter“. Freiheit ist eine Beziehung von gegenseitiger Liebe, von dem Geschenk des Selbst an einen anderen, in der Bereitschaft zuzuhören mit all unserem Verstand, all unserem Herzen, all unserem Sein, und zu lieben mit all unserem Verstand, all unserem Herzen und all unserem Sein. Und wenn sie wahr ist, dann muss sie übergreifen auf das Leben, in die Lebensweise, denn viel zu oft glauben wir, dass wir Christen oder Orthodoxe sind, weil wir bestimmte Wahrheiten verkünden, die von Konzilien oder von „höheren Autoritäten“ (in ganz dicken Anführungszeichen) definiert wurden. In Wirklichkeit müssen wir lernen, alles zu empfangen, was uns von der Vergangenheit gegeben wird, es mit erneuertem Herzen und Verstand empfangen, mit einem Glauben, der sich in jeder Weise ausdrückt. Glaube ist definiert als die Gewissheit um ungesehene Dinge, aber Glaube ist auch Treue, und Treue ist auch eine Weise zu leben.

Das Recht zu sagen: Wir sind orthodox

Wenn wir so nach dem Evangelium leben mit all unserem Mut, mit all unserer Kraft (und wenn wir keine Kraft und keinen Mut haben, wenden wir uns an Gott und sagen: „Herr, fülle meine Schwachheit mit deiner Stärke; ersetze meine Feigheit durch deinen Mut; tausche meine Trägheit gegen deine unbezwingbare Kraft“), dann – und nur dann – haben wir das Recht zu sagen, dass wir orthodox sind.

Ich will abschließen mit den Worten von Pastor Visser´t Hooft, dem ersten Generalsekretär des Weltrates der Kirchen, der sagte: „Man kann ein Häretiker sein, obwohl man die jeden Artikel des Glaubensbekenntnisses verkündet, wenn man einen oder alle Lüge straft durch die Weise, in der man lebt. Man kann ein Häretiker sein, indem man die Wahrheit leugnet, indem man nicht nach der Wahrheit lebt.“

© Russisch-Orthodoxe Kirchengemeinde zu Essen ::: rok-essen.de ::: 2005-08
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