Der Athos und seine Bedeutung für Europa

von P. Mitrophan, Kloster Chilandar, auf dem hl. Berg
Von allen Mönchsgemeinschaften, die es in der ostkirchlichen Geschichte gab, ist nur noch der
Heilige Berg Athos erhalten geblieben, der ihre monastische Tradition voll bewahrt hat.
Entwicklung: In ihren Anfängen hat sich diese multinationale Mönchsgemeinschaft ganz
spontan entwickelt. Zu den griechischen Anachoreten gesellten sich schon im Jahre 864 die Bulgaren.
Ab dem Jahr 963 bildeten weitere Nationalitäten Klöster: Georgier im 10., Russen im 11., Serben im 12.
und Rumänen im 14. Jahrhundert. So bekam die gesamte Gemeinschaft einen panorthodoxen
Charakter. die Vertreter der genannten Völker fanden am Athos ein gemeinsames Element: die
ostkirchliche Tradition, die aus dem ersten christlichen Jahrhunderten stammte, und sie gaben
wiederum dieser Überlieferung einige Elemente, die aus ihrem nationalen Seelenleben entsprangen.
Alle diese Völkergruppen, außer den Georgiern, leben bis heute in diesem ihrem gemeinsamen
monastischen Kleinstaat, unter gleichen Voraussetzungen und gleichen Rechten und Pflichten.
Geheimnis: Das Leben am Athos selbst ist ein Geheimnis, das man nicht leicht überschauen
und beschreiben kann. Um dieses Geheimnis zu ergründen, muss man sich über das Sinnenhafte
erheben. Da, wo der Mensch aufsteigt und Gott zu ihm niedersteigt. Da, wo diese Begegnung
stattfindet, da vollzieht sich dieses Geheimnis. Und dieses sich immer wiederholende geistige Erlebnis
ist es, das den Berg Athos zum Heiligen Berg macht. Alles andere: Leben in Buße, Gastfreundschaft,
Ikonenmalerei, Kunstschätze, Architektur, liturgische Gesänge, Waldwege, Symandron, Gebete und
anderes mehr, drückt immer nur „einen Aspekt“ dieses Geheimnisses aus.
Zukunft: Mein Thema lautet „Die Zukunft des Athos in der Zukunft Europas.“ Das ist nach
seiner Aktualität heute und hier das gegebene Thema. Aber Zukunft bleibt Zukunft, eine Zeitkategorie
also, die für unseren menschlichen Einblick schwer zugänglich ist. Im konkreten Fall sollte ich das
heutige Wesen Europas mindestens soweit kennen, wie das des Athos, um meine Hypothese für die
Zukunft erstellen zu können. darum habe ich die einzige mögliche Lösung darin gefunden, die
gemeinsame Zukunft des Athos und Europas auf zwei konkrete Fragen und Antworten zu
beschränken, und zwar: Was bietet der Athos der EU für beider Zukunft und was erwartet der Heilige
Berg von der Europäischen Union.
Diese zwei Gemeinschaften sind in ihrer Struktur ganz verschieden. Die Europäische Union
betreibt hauptsächlich eine materialistische Wirtschaft und die Athosgemeinschaft geistige Ökonomie.
Mit anderen Worten, die EU strebt die Ökonomie der Entwicklung, der Berg Athos der Erhaltung an.
Der Lebensstandard hat die Europäer weder leiblich noch seelisch zufrieden gestellt. Eine Umkehr zu
den alten christlichen Werten des Lebens muss bald geschehen, wenn man nicht zu Grunde gehen
will. Etwas, was man schon einmal gehabt hat, ist nicht schwer zu suchen und zu finden. Europa war
einmal reich an geistigen und moralischen Werten. Die Historiker haben oft behauptet, die
christlichen Mönche Europa schufen. Die ersten waren gallische, später keltische wie auch
angelsächsische Mönche, die im 7. und 8. Jahrhundert das Evangelium in (West-)Europa gepredigt
haben. Darauf folgten Benediktiner und Zisterzienser, welche mit ihrem großen Einfluss bis tief ins
Mittelalter hinein wirkten.
Diese großen Aktivitäten der damaligen Geistes- und Kulturträger schöpften aus dem
verborgenen Brunnen ihres intensiven inneren Lebens, nach dem Wort Jesu: „Euch aber muss es zuerst
um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben.“ (Mt 6,33). Die
Tatsache, damals Europa durch ihren Einfluss zum Mittelpunkt der Zivilisation wurde, geschah nicht
dadurch, sie Virgil und Ovid übersetzt und abgeschrieben hatten, sie Schulen gründeten, romanische
Basiliken bauten und bewundernswerte Goldschmiedekunstwerke schufen, sondern vielmehr aus
ihrem asketischen Leben heraus, wodurch sie den Geist der Seligkeit gewonnen haben und Frieden im
Herzen, den keine Technik und keine Wissenschaft zu geben vermochten. „Erwirb den Geist des
Friedens und Tausende von Seelen um dich werden die Rettung finden“ – so sprach ein Heiliger des Ostens.
Heute, wenn unsere westlichen Brüder zum Athos kommen, finden sie die Wurzeln ihrer
eigenen Kultur und Zivilisation wieder. Sie entdecken, unsere geistige Tradition die gleiche ist, in derauch einmal ihre Väter und besonders die westlichen Mönche, bevor das Schisma die geistige Einheit
Europas gestört hat, gelebt haben. Das sind jene Werte, die von Neuem Europa einen schöpferischen
Elan geben können.
Jugend: Die Jugend, die sich heute für das Athosleben entscheidet, griechische wie auch
westeuropäische, flüchtet einfach vor dem Rationalismus des heutigen Geistes, von der Erosion der
Moral und der degenerierten Kultur. Und sie wählen bei uns diejenigen Klostergemeinschaften, wo
das Leben am strengsten asketisch geführt wird. In dieser alten, durch die Jahrhunderte geprüften
Lebensweise, welche die geistige Natur des Menschen völlig erfüllt und zufrieden stellt, finden diese
jungen Menschen ihre Freude und vollen Sinn eines Lebens, das in diesem kurzfristigen Erdendasein
zum Sauerteig ewigen Lebens wird.
Wie sieht, näher betrachtet, dieses Athosleben aus? Im Gegensatz zu den heutigen sozialen und
politischen Systemen – sei es der Liberalismus oder Totalitarismus – welche oft das wahre Leben
vortäuschen und in Wirklichkeit in verschiedener Weise die Freiheit des Menschen begrenzen oder
sogar zerstören, hat die Athosgemeinschaft ihre gemeinsame Lebensweise, die im Glauben an die
Heilige Dreieinigkeit begründet ist, und seit den Zeiten der Urkirche bis heute gepflegt wird, bewahrt.
Im dreieinigen Gott sind drei Personen – Vater, Sohn und Heiliger Geist – ein Wesen, und zugleich
doch drei verschiedene Personen.
Diese lebenspendende Erkenntnis hilft den Menschen, sie in der Gemeinschaft nicht zu einer
Masse werden müssen, noch durch ihre individuelle Unterschiedlichkeit zu einem asozialen
Individualismus herabsinken.
Der Einzelne: In der Athosgemeinschaft ist das leben de einzelnen von der Gemeinschaft nicht
gefährdet, weil der Schlüssel des Zusammenlebens in der Lehre des Evangeliums und in den Schriften
der alten Väter begründet ist. Der Einzelne erfährt in der Gemeinschaft, die Selbstsucht, in der man
nur das tut, was einem gefällt, nicht zu befriedigen und glücklich zu machen vermag. Der Mensch ist
nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen, und kann daher sein Glück nur im Opfer seinerselbst finden,
da er nur auf diese Weise in eine engere Beziehung mit seinem Nächsten treten kann.
Der Athonit weiß, er nur durch Entsagung seiner Neigungen und seiner persönlichen
Interessen den animalischen Menschen abstreifen kann, um sich dann als neuer Mensch für die
Freuden der Gemeinschaft zu öffnen.
Durch diese Lebensweise des Einzelnen ist es dann nicht weiter schwer eine Gemeinschaft von
Menschen verschiedener Eigenschaften, Altersstufen, Kulturstände, Abstammungen und
Nationalitäten zu bilden und zu erhalten. Das mehr als tausendjährige Bestehen der
Athosgemeinschaft beweist und zeigt die Fähigkeiten sich nach Krisen wieder zu erneuern und
bezeugt ihre moralische Vitalität. Heute leben am Athos außer griechischen, russischen, bulgarischen,
rumänischen und serbischen Mönchen noch weitere, aus anderen europäischen Staaten, Nord- und
Südamerika, Asien und Australien. Das ist eine wunderbare Kombination von Unterschiedlichkeit in
der Einheit. Sie sind vereint durch ein tiefes Band des gemeinsamen Glaubens, der alle nationalen
Unterschiede, sogar zeitweilige Gegensätze zu überwinden vermag, und der doch freien Raum zur
Entfaltung lässt, um sich innerlich durch die Gnade Gottes zu vervollkommnen.
Die Athoniten leben ihren gemeinsamen Glauben, jedoch jeder in seiner Weise. So trägt jeder
Einzelne nach seiner Eigenart zum Gesamtbild der Gemeinschaft bei. Der Heilige Berg nennt sich auch
‘Garten der Muttergottes – Panagia’, die als Äbtissin des Heiligen Berges verehrt wird. Jede Pflanze in
diesem Garten wird belebt durch die Gnade Gottes und durch den Segen unserer Äbtissin. alle
Pflanzen sind verschieden, aber der Garten ist der gleiche, und so ist er durch diese Mannigfaltigkeit
um so schöner und interessanter. Einheit in der Verschiedenheit ist der Geist und das Leben am
Heiligen Berg.
Die Athoniten tragen, wie alle Menschen, die Schwächen der menschlichen Natur in sich, die
Selbstliebe, eine unvernünftige Liebe zu sich selbst. Darum auch der Hauptkampf jedes Athoniten,
diese Selbstleibe in die Liebe zu Gott und zu den Menschen zu verwandeln. jeder Mensch ist das
Abbild Gottes und deswegen unserer Liebe und Achtung würdig. Der Athos lebt zwar in einer
physischen Isolation, aber seine Bewohner stellen eine offene Gemeinschaft dar, die nicht nur für sich,
sondern für Gott und seine ganze Welt dasteht.

Das Zentrum und der Grundstein der Einheit am Heiligen Berg ist der Glaube an den
Gottmenschen Christus. Darum ist diese Einheit nicht göttlichen, sondern menschlichen Ursprungs.
Sie ist die Frucht göttlichen Wirkens und menschlicher Mitarbeit. Selbstaufopferung um der Einheit
zu dienen ist im leben eines jeden Athoniten, wie auch eines jeden wahren Christen, Ausgangspunkt
seines geistigen Lebens. Der Gottmensch Christus ist das beste Beispiel dafür. Er hat die Welt durch
die Stunde seiner Kreuzigung neu geboren und lebendig gemacht. Auch der echte Christ, wie der
Mönch, muss sterben um zu leben. Der Mönch verlässt die Gesellschaft um sie zu finden. Er wählt
„Nichts“ um alles zu erreichen. die Athoniten verwehren den Frauen den Zutritt zum heiligen Berg,
da sie die Frauen wahrhaft lieben. Alle Frauen sind am Athos abwesend und doch sind wieder, durch
die Muttergottes Maria, alle anwesend.
Mythos: Was kann der Berg Athos noch weiter aufweisen als Beitrag zur Europäischen Union? –
Zum Leben des Heiligen Berges gehört auch der Mythos, da wir bis heute noch in einer Welt der
Wunder, der Schau und der Prophetie leben und diese Welt doch so real und wahr ist, wie unsere
Alltäglichkeit.
Der Kern des Mythos ist das geschichtlich Wahre. Dieser Kern ist weiter umhüllt mit
zusätzlichen begriffen und Symbolen. So schafft der Mythos eine andere Spannweite des erlebten
Ereignisses, wo sich alles durch die Energie Gottes bewegt. Meinungsobjektivierungen, die von der
Objektivierung Gottes ausgehen und seine Energien aus der Geschichte ausschließen wollen, sind am
Athos undenkbar. Bei uns widerspricht der Mythos der Wirklichkeit nicht, da er selbst die
Wirklichkeit und die Wahrheit ist. Der Mythos hat außerdem eine große Beziehung zu der
phantasievolle, schöpferischen Spannweite menschlichen Lebens und erfüllt es mit tiefer Freude und
Schönheit.
Stille: Ein weiteres Element der Geistigkeit am Athos ist die Betrachtung in der Hesychia, der
Stille. Das ist ein immerwährendes Überdenken einer Welt, die außerhalb der Vergänglichkeit liegt.
Diese wird wenigstens zeitweilig entfernt von der Welt des Lärms erlebt. Stille und Betrachtung sind
ein Gewinn, wenn der Christ auf eigene Weise ‘der Welt’, d.h. dem Geist ‘dieses Zeitalters’ entsagt. Er
soll in der Welt, aber nicht mit der ‘Welt’ leben. Nicht der Ort, sondern die Weise macht die Art
christlichen Verhaltens aus.
Ökonomie: Das Erlebnis der Betrachtung und des Ruhens in Gott als Prinzip des Lebens ist
heute in der sog. modernen Gesellschaft fast, wenn nicht ganz unbekannt geworden. Kapitalismus
und Konsumdenken haben die Gesellschaft so betäubt, sie den dafür zu hoch bezahlten preis in
geistigen und ethischen Werten, in ihrer Trunkenheit, gar nicht bedenkt.
Auch am Athos gibt es ökonomische Fragen die gelöst werden müssen, bedingt durch
schwierige technische Verhältnisse und andere Mängel. Um so wichtiger aber sind in unserem Leben
die Werte der Seele und des Geistes. diese Faktoren unseres Lebens, erfahren durch Stille und
Betrachtung, zeigen uns den richtigen Weg für die Lösung all unserer äußeren und inneren
Lebensfragen.
Eine weitere Charakteristik des Athoslebens ist der Eifer. Im Gegensatz zum Fanatismus, der
ein krankhafter Ausdruck des Geglaubten ist, ist der Eifer jedoch ‘bewusst’ ein dynamisches Beharren
in dem was des Glaubens ist. dieser Glaube wird keinem aufgezwungen, er wird vielmehr gefestigt
und durch eigene Erlebnisse bestätigt. Und diese erlebte Bestätigung bewirkt ein noch größeres
Beharren im Eifer. Es ist wohlbekannt, mit welchem Eifer der Glaube und die Tradition am Athos
gepflegt werden. Besonders der Eifer für die Tradition ist das fundamentalste Kennzeichen am
Heiligen Berg. Dies ist auch berechtigt, weil die Tradition eine sehr tiefe Quelle ist, aus der die
Athoniten die Prinzipien schöpfen um ihr inneres Leben richtig ausbauen zu können.
Alle diese Aussagen stellen Werte des Athoslebens dar, die für uns alle ein gemeinsames Gut
sein können, weil sie es auch in der Vergangenheit immer waren. Monastisches Leben ist nicht etwas,
was den übrigen Menschen in der Welt fremdartig erscheinen soll. Das christliche Leben ist ein und
dasselbe für uns alle, weil für uns alle das letzte Ziel des Lebens dasselbe und der Weg zu diesem Ziel
der gleiche ist. Das monastische Leben ist ein Geschenk Gottes an die Menschheit. Es ist dafür zu
erhalten. Das Christentum ist weder Religion noch Ideologie, sondern die Art des Lebens für den
Menschen, der ein Ebenbild Gottes ist.

Es wäre noch Verschiedenes aus dem reichen geistigen Leben des Heiligen Berges zu berichten,
z. B. über die Gedankenbeichte (nach dem Jakobusbrief 5,16), über Nachtwache, Fastenordnung (statt
der heutigen Zwangsdiät im Westen), Bedeutung der Kommunion, Legendenkultur, Symbole und
Signale und über andere Hilfsmittel auf unserem monastischen Weg, die das Leben geistig frisch
erhalten und eine ständige Lebensbegeisterung unterhalten und stille Freude im Alltag vermehren.
Hilfsmittel also, die jedem zu gute kommen können.
Hilfe: Ich hoffe, ich habe hier aufgezeigt, was der Athosberg in die Europäische Union an
moralisch-sozialen und geistigen Werten einbringt. Nun kommt die Frage, was unsere
Athosgemeinschaft von der Europäischen Union als Hilfeleistung erwartet.
In dieser Beziehung sind wir in der gleichen Lage wie wenn ein Einzelner von uns, von den
westlichen Besucherbrüdern gefragt wird, was man ihm beim nächsten Athosbesuch mitbringen soll.
Aus der Fülle seiner ‘Armut’ fällt ihm kaum etwas ein, an den es ihm fehlt. So auch wir als gesamte
Athosgemeinschaft. Wir erwarten nur das Eine: uns, wie zu byzantinischen und ottomanischen Zeiten
auch weiterhin die bestehenden, gesetzlichen Möglichkeiten erhalten bleiben, so wir weiterhin so
leben können, wie es das monastische Leben von uns verlangt, und der Berg Athos nach wie vor eine
Stätte der Begegnung zwischen Ost und West bleiben möge.
Wenn aber die Europäische Union diese unsere Stellungnahme als zu geringfügig und zu
bescheiden betrachtet, vielleicht auch als eine gewisse Art von Zurückhaltung ihr gegenüber, dann
können wir noch einen besonderen Wunsch für unsere Zukunft der Europäischen Union ans Herz
legen. Die Athosgemeinschaft möge man nie allein mit politischen Augen betrachten. Politische Schau
verzerrt unser Gesicht. Für uns ist es schwer, die politische Sprache zu verstehen, wie auch in der
Politik unsere Sprache oft unverständlich erscheint.
Wir Athoniten sind der Kultur und der Wissenschaft gegenüber weit mehr aufgeschlossen als
viele vermuten, und wissen, in der Europäischen Union die Welt des Geistes ebenso zu Hause ist.
Möge sie uns verstehen und unsere Anliegen richtig beurteilen und vertreten.
Ganz zum Schluss bitte ich Sie um folgendes: Alles, was ich hier über meine geistige Heimat,
den Heiligen Berg, wie auch über die bescheidene Botschaft an unsere neue erweiterte Heimat, die
Europäische Union, gesagt habe, ist eine Aussage, die allein aus dem Bewusstsein eines Athoniten
kommt, der spontan gesprochen hat und das auch so zu sehen.

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