Auslegung einiger Verse des Hl. Gregor, die auf die heiligen Märtyrer zu singen sind

Hl. Dorotheus von Gaza

174. Deshalb ist es gut, Brüder, aus den Versen der Gott-tragenden Väter zu singen, weil sie immer und überall bemüht sind, uns alles zu lehren, was zur Erleuchtung unserer Seelen beiträgt. Durch sie ist es uns auch möglich, aus diesen nützlichen Worten immer wieder den Gehalt des begangenen Gedächtnisses zu erfassen, sei es, daß es ein Fest des Herrn ist oder eines der heiligen Märtyrer, sei es eines der Väter oder einfach irgendein heiliger und herausragender Tag. Wir müssen nun mit Wachsamkeit singen und unseren Sinn auf die Bedeutung der Worte der Heiligen richten, damit nicht nur unser Mund singt, wie es im Gerontikon heißt, sondern auch unser Herz zusammen mit unserem Mund. Aus dem vorhergehenden Lied haben wir nach unserer Möglichkeit ein wenig über das Heilige Pascha gelernt; laßt uns nun auch sehen, was der heilige Gregor uns über die heiligen Märtyrer lehren will. Denn er sagt im Lied ihnen zu Ehren, das wir jetzt aus seinen Schriften zitieren:
Lebendige Opfertiere, geistige Brandopfer und ähnliches.
175. Was heißt: „Lebendige Opfertiere“? Ein Opfertier ist alles, was zum Opfer für Gott bestimmt wird, zum Beispiel ein Schaf oder Rind oder etwas Ähnliches. Weshalb nun nennt er die Märtyrer „lebendige Opfertiere“? Dem Schafe, das zum Opfer dargebracht wird, wird zuerst die Kehle durchgeschnitten, so daß es stirbt; dann wird es in diesem Zustand zerteilt, zerschnitten und Gott dargebracht. Die heiligen Märtyrer aber wurden als Lebendige zerschnitten, das Fleisch wurde ihnen abgeschabt, sie wurden gequält, und die Glieder wurden ihnen abgeschlagen. Manchmal nämlich haben die Henker ihnen auch Hände, Füße und Zunge abgeschnitten und die Augen ausgestochen und ihnen so die Seiten aufgeschabt, daß die Anlage und das Innere ihrer Eingeweide sichtbar wurden. Dies alles ertrugen, wie gesagt, die Heiligen als Lebendige, als sie noch ihr Leben in sich hatten, und deshalb heißen sie „lebendige Opfertiere“.
Warum aber heißen sie „geistige Brandopfer“? Weil ein Opfer etwas anderes ist als ein Brandopfer. Man bringt einmal nicht das ganze Schaf dar, sondern nur seinen Erstlingsanteil, wie es im Gesetz heißt, seine rechte Schulter, den Leberlappen, die zwei Nieren und ähnliches (vgl. Lev 3,4). Die dies darbringen, bringen Opfer dar, das heißt das Erstlingsopfer, und das heißt eben Opfer.
Bei einem Brandopfer aber wird das ganze geweihte Schaf oder Rind oder was es ist, dargebracht und ganz verbrannt, wie es dort heißt: „Den Kopf mit den Füßen und den Eingeweiden“ (vgl. Lev 4,1). Es kommt aber vor, daß man auch das Fell und den Kot verbrennt, mit einem Wort: alles zusammen. Das nennt man Brandopfer. So brachten die Söhne Israels nach dem Gesetz Opfer und Brandopfer dar.
176. Jene Opfer und Brandopfer waren aber Symbole für die Seelen, die gerettet werden und sich selbst Gott darbringen wollen. Ich sage euch auch darüber einiges von dem, was die Väter gesagt haben, damit ihr, wenn ihr es wißt, eure Gedanken ein wenig erhebt und eure Seele vervollkommnet wird.
Die Schulter, sagen sie, bedeutet die Kraft; die Hände aber verstehen sie als die Praktike, wie wir schon verschiedentlich gesagt haben. Die Schulter ist nun die Kraft für die Hand. Sie brachten also die Kraft für die rechte Hand dar, das heißt das Tun der guten Werke, denn rechts steht bei den Vätern für das Gute. Auch alles andere, was wir nannten: der Leberlappen, die beiden Nieren und ihr Fett, die Lende und das Fett auf den Hüften, das Herz und das Bruststück und all das sind ebenfalls Symbole. Denn „all dies wurde jenen“, wie der Apostel sagt, „bildhaft zuteil; uns aber wurde es zur Lehre aufgeschrieben“ (vgl. 1 Kor 10,11). Ich sage euch auch, wie: Die Seele ist, wie der heilige Gregor sagt, dreigeteilt. Sie umfaßt nämlich den begehrenden, den erregbaren und den vernünftigen Teil. Man brachte nun den Leberlappen dar. Die Leber steht bei den Vätern für die Begierde; der Leberlappen aber ist ihr äußerster Teil. Jene brachten nun symbolisch das Äußerste des begehrenden Teils dar, das heißt den Erstling, seinen schönsten und kostbarsten Teil. Das bedeutet, nichts der Liebe zu Gott vorzuziehen, nichts von allem Begehrenswerten höherzuschätzen als das Verlangen nach Gott; denn wir sagten, daß sie ihm das Kostbarste darbrachten.
Die Nieren aber und das Fett auf ihnen und die Lende und das Fett auf den Hüften bedeuten entsprechend dasselbe, denn dort, sagen die Väter, sitzt die Begierde. Sieh, dies sind die Symbole für den begehrenden Teil.
Symbol für den erregbaren Teil aber ist das Herz, denn dort, sagen die Väter, sitzt der Zorn. Das meint auch der heilige Basilius, wenn er sagt: „Zorn ist ein Aufwallen und eine Bewegung des Blutes im Umlauf des Herzens“. Das Bruststück dagegen ist ein Symbol für das Geistige, denn als dieses wird die Brust angesehen. Deshalb heißt auch, daß Mose Aaron mit dem hohepriesterlichen Gewand bekleidete und die Weissagung auf seine Brust legte nach dem Befehl Gottes (vgl. Ex 28,30).
Dies alles sind nun, wie wir sagten, Symbole für die Seele, die sich durch die Praktike gereinigt hat und zu ihrem natürlichen Zustand zurückgekehrt ist. Denn auch Evagrius sagt: „Die vernünftige Seele handelt nach ihrer Natur, wenn ihr begehrender Teil nach der Tugend strebt, der erregbare dafür kämpft, der geistige aber sich der Schau des Seienden hingibt“.
177. Als die Söhne Israels nun ein Schaf, ein Rind oder ähnliches zum Opfer darbrachten, nahmen sie dies von den Dargebrachten und legten es auf den Opferaltar vor den Herrn; deshalb heißt es Opfer. Brandopfer aber ist es, wenn das Opfertier als Ganzes dargebracht und verbrannt wurde, so wie es ist: unversehrt, vollständig, ganz, wie wir schon oben sagten. Dies ist ein Symbol für die Vollkommenen, für die, die sagen: „Sieh, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt“ (Mt 19,27). Zu diesem Maß zu gelangen, forderte der Herr jenen auf, der zu ihm sagte: „Dies alles habe ich von meiner Jugend an befolgt“. Denn er antwortete ihm und sprach: „Eines fehlt dir noch“ (Lk 18,21f). Was? Dies: „Nimm dein Kreuz auf dich und folge mir“ (vgl. Mt 16,24).
Die heiligen Märtyrer brachten sich nun so ganz Gott dar, aber nicht nur sich, sondern auch das Ihrige und das um sie herum. Denn „eine Sache sind wir selbst“, wie der heilige Basilius sagt, „und eine andere Sache ist das Unsrige, noch eine andere das um uns herum“: Dies habe ich euch schon an anderer Stelle gesagt. „Wir bestehen aus Geist und Seele, das Unsrige aber ist der Leib; die Dinge um uns herum sind Besitztümer und die übrigen stofflichen Dinge“.
Die Heiligen brachten nun sich selbst Gott dar aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, aus ganzer Kraft, wie geschrieben steht: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und mit deinem ganzen Denken“ (Dtn 6,5; Mt 22,37). Denn sie schätzten nicht nur Kinder und Frauen, Ehre und Besitztümer und alles übrige gering ein, sondern auch ihren eigenen Leib, und deswegen nennt man sie „Brandopfer“. Geistige aber, weil der Mensch ein geistiges Lebewesen ist, und vollkommene Opfergaben für Gott.
178. Dann folgt:
Gott erkennende und von Gott erkannte Schafe
Wie „Gott erkennende“? Wie der Herr selbst gelehrt hat: „Meine Schafe hören meine Stimme“ und „Ich kenne die Meinen, und ich werde von den Meinen erkannt“ (vgl. Joh 10,27.14). Weshalb hat er gesagt: „Meine Schafe hören meine Stimme“? Anstelle von: „Auf mein Wort hören sie, meine Gebote beachten sie, und deswegen kennen sie mich“. Denn durch die Befolgung der Gebote nähern sich die Heiligen Gott, und soviel sie sich ihm nähern, soviel erkennen sie ihn und werden von ihm erkannt. Wenn Gott alles kennt, auch das Verborgene und die Tiefen und das, was nicht ist: wie kann Gregor dann über die Heiligen sagen: „von Gott erkannt (sc. Schafe)“? Weil, wie gesagt, diejenigen, die sich ihm durch die Gebote nähern, ihn erkennen und von ihm erkannt werden.
Denn soviel sich einer von jemandem abwendet und sich von jemandem entfernt, soviel kann man sagen, daß er ihn nicht kennt und von ihm nicht erkannt wird. Ebenso heißt es von dem, der sich nähert, daß er erkennt und erkannt wird. Dementsprechend heißt es nun auch von Gott, daß er die Sünder nicht kennt, im selben Maße, wie sie sich von ihm entfernen. Deshalb sagt auch der Herr selbst zu solchen: „Amen, ich sage euch: Ich kenne euch nicht“ (Mt 25,12). Soviel die Heiligen nun, wie ich schon oft gesagt habe, durch die Gebote die Tugenden erwerben, soviel werden sie vertraut mit Gott; und soviel sie mit ihm vertraut werden, soviel erkennen sie ihn und werden von ihm erkannt.
179. Deren Hürde Wölfen nicht zugänglich ist.
Hürde heißt ein Platz, der ringsum eingezäunt ist; dorthin führt der Hirt die Schafe zusammen und bewacht sie, damit sie nicht von den Wölfen zerrissen oder von Räubern gestohlen werden. Wenn aber die Hürde an irgendeiner Stelle schadhaft ist, erweist sie sich als leicht zugänglich und ist für die bösen Absichten von Wölfen und Räubern kein Hindernis. Die Hürde der Heiligen dagegen ist von allen Seiten gesichtet und bewacht, wie der Herr gesagt hat: Dort „werden Diebe weder einbrechen noch stehlen“ (Mt 6, 20) noch irgend etwas anderes Schädliches im Schilde führen können.
Beten wir nun, Brüder, daß es auch uns geschenkt wird, mit ihnen zusammen eingeschlossen zu werden und uns am Ort jenes seligen Genusses und ihrer Ruhe zu befinden! Denn auch wenn wir nicht den vollkommenen Zustand jener Heiligen erreicht haben und nicht würdig sind, in ihrer Herrlichkeit zu sein, können wir doch wenigstens das Paradies nicht verlieren, wenn wir wachsam sind und uns ein wenig Gewalt antun. So sagt auch der heilige Clemens: „Wenn jemand nicht gekrönt ist, mühe er sich wenigstens eifrig, nicht weit entfernt zu sein von den Gekrönten“.
Ebenso gibt es auch im Palast große und berühmte Ränge, zum Beispiel den Senat, die Patrizier, die Feldherrn, die Präfekten und die Silentiaren, denn diese sind sehr hoch geehrte Ränge. Es gibt aber in demselben Palast auch andere, die im Heer für geringen Sold dienen, und von ihnen sagt man genauso, daß sie im Dienst des Kaisers stehen. Auch sie sind im Palast, obwohl sie den Ruhm jener Großen nicht besitzen, aber wenigstens sind sie drinnen. Es kann aber sein, daß auch sie ganz allmählich vorankommend zu hohen Rängen und illustren Würden gelangen. So müssen auch wir uns eifrig bemühen, dem Tun der Sünde zu entfliehen, damit wir wenigstens der Unterwelt entgehen. So können wir durch die Menschenliebe Christi auch den Eintritt ins Paradies erlangen, durch die Gebete aller seiner Heiligen. Amen.

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