Was ist Orthodoxie?

Aus dem Buch  “Was ist Orthodoxie?”

des Autoren Petros A. Botsis


I. Was ist Orthodoxie?

Nach einem der alten Kirchenväter, dem Heiligen Anastasius, dem Sinaiten, ist Orthodoxie “die ungefälschte Meinung über Gott und seine Schöpfung, der wahre Begriff von allem, sowie die Ansicht über die Wesen, wie sie sind”. Die Orthodoxie, was “rechter Glauben, rechte Meinung” bedeutet, ist die Wahrheit. Und laut des Bekenntnisses von Christus selbst (“Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben”) ist die Person Christi die verkörperte Wahrheit. Nur in der Person Christi können wir die Wahrheit selbst kennen lernen und folglich nur in Christus gerettet werden. Gnade und Wahrheit haben in der Person Christi erlösungsbestimmte Bedeutung.

Auf Grund des oben Gesagten decken sich die Begriffe Orthodoxie – Wahrheit – mit Christus, der ewigen Wahrheit.

Und da der Dreifaltige Gott der Ursprung der Wahrheit ist, Wahrheit und Orthodoxie aber identisch sind, kommt die Art und Weise Seiner Existenz der zuerst und ewig bestehenden Orthodoxie und Wahrheit gleich, welche die Menschen in ihrem Leben abzuprägen berufen sind.

“Orthodoxie” ist die heilige Überlieferung unserer Kirche, die Wahrheit über Gott,  über den Menschen und die Welt, wie sie uns der Mensch gewordene Gott selbst übergeben hat. “Orthodoxie” ist der rechte Glauben und die rechte Verehrung Gottes, das unverfälschte Christentum, die wahre Kirche, die Christus für das Heil des Menschen gegründet hat und erhält.

Nach dem Sündenfall verlor der Mensch die Gnade Gottes, d.h. er verlor den Umgang mit Gott, der Wahrheit. Und der Nachkomme jenes ersten Adam muss, um diesen Umgang mit Gott wieder herzustellen, Kontakt mit dem “neuen Adam”, mit Christus aufnehmen. Der Mensch findet das Heil nur in Christus.

Was ist aber diese Wahrheit, die uns Christus darbot, und wo wird diese Wahrheit unverfälscht bewahrt?

Die Antwort befindet sich in der Heiligen Schrift selbst, wo die Kirche “Säule und Grundfeste der Wahrheit” genannt wird (1.Tim.3.15).

Der Mensch gelangt zur Wahrheit, d.h. zu Christus – der Mensch gewordenen Orthodoxie – nur durch den Leib von Gottes Sohn, die Kirche. Die Wiederherstellung des Menschen, seine Erlösung verwirklichen sich nur innerhalb der Kirche. Die Kirche wurde deshalb in der Welt gegründet, weil nur in ihr der Mensch seine wirkliche Existenz und Verbindung zu Gott und der übrigen Welt wiederfindet. In der Kirche findet der Mensch zudem noch den Sinn seines Lebens und vor allem seine rechte Beziehung zu der übrigen Menschheit und Schöpfung. Dem Apostel Paulus gemäß ist die Kirche “die höchste Vollendung dessen, der alles in allem vollendet” (Eph. 1,23).

Die Erlösung, die uns Christus mit seiner Aufopferung am Kreuz und seiner Auferstehung schenkte, setzt sich die Jahrhunderte hindurch in der Kirche fort. Deswegen hat der Heilige Augustinus die Kirche “den in die Ewigkeit verlängerten Christus” genannt.

Das bedeutet, dass die Kirche Christus ist, der auch nach seiner Auferstehung und Himmelfahrt weiterhin die Welt im Heiligen Geiste erlöst. Die Menschheit begegnet in der Kirche fortdauernd dem erlösenden Gott im Leibe Christi. “Deswegen können wir nicht Christus von der Kirche trennen. Es gibt keine Kirche ohne Christus, und es gibt Christus nicht außerhalb der Kirche, d.h. es gibt da nicht die Wahrheit und folglich auch keine Erlösung. Die Wahrheit, die es außerhalb des Leibes Christi, der Kirche gibt, ist wie die Goldkörnchen im Schlamm. Sie sind nichts anderes als vereinzelt auftretende Lichtstrahlen der göttlichen Anwesenheit in dem Zustand des gefallenen Menschen und des Unvermögens aufzustehen und zum Heil zu gelangen.”[1]

Christus, als Allwahrheit – Orthodoxie – führt uns zu unserem Heil innerhalb seiner Kirche. Also ist die Kirche das Fundament der Wahrheit. Und um den authentischen Christus in seiner Allumfassenheit und Fülle kennen zu lernen, ist es unerlässlich, dass man zu der Kirche Zuflucht sucht. “Außerhalb der Kirche und selbst in den (bräuchlicherweise so genannten) “christlichen” Sekten schließt das Unvermögen einer Begegnung mit dem gesamten Christus die Erlösungsmöglichkeit aus”. [2] Und so dürfen die Worte des Heiligen Cyprian, des Bischofs von Karthago, dass es “außerhalb der Kirche keine Rettung gibt”, nicht als übertrieben angesehen werden. “Ohne die Kirche können wir Christus nicht kennen lernen. Genauso können wir ohne die Kirche nicht die Heilige Schrift, ihre Bibel, ihr Werk, ihre Tradition verstehen. Es ist aber auch wiederum wahr, dass wenn jemand Christus in der Kirche kennen lernen will, die hier und jetzt bestehende kirchliche Gemeinschaft (Gemeinde) den ganzen Christus, die ganze Wahrheit, ausdrücken muss. Sonst bleibt der wahre Christus unnahbar und unbekannt, der Mensch andererseits außerhalb des Heils. Das aber ist genau das, was mit den verschiedenen Sekten passiert. Nur in der wahren Kirche findet der Mensch den echten Christus und wird gerettet”.[3]

Einer der Kirchenväter bezeichnete die Kirche als “Zusammenkunft der Rechtgläubigen”. Man kann sich nicht die Kirche außerhalb der Orthodoxie denken. In diesem Rahmen kann die Kirche auch als Überlieferung verstanden werden, eine Überlieferung, die als göttlicher Prozess in der Geschichte zu verstehen ist. Überlieferung ist, wie der rumänische Theologe Demetrius Staniloae sagt, “lebende Wirklichkeit, das ununterbrochene Leben der Kirche”. “Überlieferung ist”, wie Justin Popovic, ein anderer Theologe unserer Zeit sagt, “die Übergabe des unversehrten und wahren Christus die Jahrhunderte hindurch”.

Die Kirche betrachtete es immer als ihre höchste Verantwortung der Welt gegenüber, den Glauben der Apostel im Heiligen Geiste unverfälscht zu erhalten. Wenn die Kirche nicht der Wahrheit ihrer Existenz treu bliebe, könnte sie sich nicht selbst treu bleiben und ihre Identität bewahren. Der Inhalt und die Substanz der Kirche ist die Orthodoxie, d.h. der in der Kirche lebende und handelnde Christus und das, was jener ihr anvertraut hat.” [4]

Diese Verantwortung der Kirche, die Wahrheit innerhalb der Tradition zu bewahren, ist kein abstrakter Begriff. Die Kirche sorgt dafür, jedes ihrer Kinder in der Wahrheit, dem “rechten Glauben” und dem “rechten Tun” (“Orthodoxie” und “Orthopraxia”) zu halten. Jeder Gläubige innerhalb der Kirche ist nicht nur verpflichtet, einfach an einen Gott zu glauben, eine höchste und unsichtbare Macht, sondern an den Dreifältigen Gott, der sich in Christus geoffenbart hat. Er soll nicht nur einfach lieben, sondern seinen Gott lieben, indem er seinen Mitmenschen liebt. “Diese Orthodoxie des Glaubens und Lebens muss die Kirche bewahren und durch ihre Missionstätigkeit der Welt bezeugen und übermitteln”.[5]

Wenn man das oben Gesagte im Sinn hat, kann man leicht verstehen, warum die Kirche alle diejenigen, die die Wahrheit verfälschen oder nicht akzeptieren wollten, diejenigen, die der Wahrheit etwas zufügen oder etwas von der Wahrheit, die Christus ist, wegnehmen wollten, ausgestoßen hat, und warum sie diese als Häretiker ausgestoßen hat. Das geschah nicht aus Mangel an Liebe zu diesen Menschen, sondern im Gegenteil aus übergroßer Liebe zu ihnen, da es außerhalb der Kirche, von der Wahrheit entfernt, kein Heil gibt. Die Kirche kann keine Kompromisse schließen, die zu Lasten der Wahrheit und des “rechten Glaubens” gehen, denn so liefe sie Gefahr, ihre Identität und Universalität zu verlieren. “Der Christ eines jeden Zeitalters muss alles akzeptieren, was Christus geoffenbart hat und dieser Seinem Leib (der Kirche) unverfälscht übergibt. Er muss die ganze Wahrheit annehmen, und nicht nur ein “Minimum” von ihr. In der Ganzheit und Unversehrtheit des Glaubens werden die Universalität und der “rechte Glaube” (Orthodoxie) der Kirche erhalten. Nur als Orthodoxie ist die Kirche allumfassend, d.h. katholisch, denn nur so bewahrt sie die Fülle und Vollständigkeit der Wahrheit in Christus”.[6]

In unserer Zeit sind wir gewöhnt, die Dinge zu vereinfachen und der Wahrheit im inneren Leben der Kirche gegenüber gleichgültig zu sein. Extrovertiert und unbesonnen, wie wir sind, beachten wir mehr die äußeren Formen und behaupten, dass es genug ist. Wenn wir eine gemeinsame Glaubensbasis haben, die alle akzeptieren können. Alles andere seien überflüssige Einzelheiten. Die Dogmen und Kirchengesetze sind von Menschen gemacht und müssen “um der Liebe willen” beiseite gelegt werden.

“Die Dogmen als Glaubenssätze zerstören jedoch gar nicht die Einheit der Wahrheit. Sie schaffen die Grenzen der Orthodoxie, der Kirche, damit die Kirche als “rechter Glaube” (Orthodoxie) von den Häresien und Sekten unterschieden werden kann…Für die Kirche gibt es nur eine einzige Basis: die Fülle und Vollständigkeit der Wahrheit in Christus”. [7]

Folglich ist für die Kirche nur eines von grundlegender Bedeutung: die Wahrheit unverfälscht, so wie sie sie empfangen hat, zu bewahren. Deswegen hat die Kirche all ihre Kräfte aufgebracht, um die Häresie, den Irrglauben zu bekämpfen. Das war ihr einziger und bedrohlichster Feind. Die Verfolgungen bedrohten nie die Einheit der Kirche oder das Bewahren ihrer Wahrheit. Im Gegenteil, sie halfen ihr, neue Kräfte zu sammeln. Die Häresie jedoch, der Irrglauben, verursachte ihr viele Plagen, viel Leid. Denn die Häresie, die nichts anderes als die Abweichung von der Wahrheit bedeutet, bedroht die Substanz der Kirche, ihre Existenz, die Wahrheit, bedroht die Wahrheit mit Zerteilung und Zerstückelung, mit der Teilung Christi. Aber ein Christus, der nicht vollständig ist, der nicht voll und ganz die “fleischgewordene Wahrheit” ist, ist nicht der Christus, der rettet. Alle Häretiker haben nie die ganze Wahrheit verworfen, sie haben nicht Christus verworfen, aber sie akzeptierten ihn auch nicht vollständig, wie er ist, sondern einen Teil von Ihm. Arius z.B. lehnte nicht die menschliche Natur Christi, sondern seine göttliche Natur ab. Andere wiederum akzeptierten die göttliche Natur, lehnten aber die menschliche Natur ab. Keiner von ihnen jedoch akzeptierte Christus vollständig und ungeteilt.

Die Wahrheit der Kirche ist eine Einheit und Ganzheit, die immer unzerteilt und unzerstückelt bleibt. Die Häresie jedoch versucht, die Wahrheit der kirchlichen Überlieferung der bruchstückhaften Existenzweise des gefallenen Menschen zu unterwerfen; denn der Häretiker setzt sich selbst als Richter und Maßstab der geoffenbarten Wahrheit ein. Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass Häretiker eines jeden Zeitalters Rationalisten waren. Ein Häretiker (der Häretiker wird, weil er zunächst einer inneren Krankheit erliegt, des Eigendünkels und Hochmuts, der ihm Vertrauen in seine eigene Vernunft und sein eigenes Denken eingibt) schneidet sich selbst von der lebensspendenden göttlichen Gnade ab und strebt an, sich mit seiner eigenen Kraft zu retten, nicht der von Gott gegebenen, sondern mit seiner eigengemachten “Wahrheit”. Hier handelt es sich um eine Religiosität, die den Menschen zum Mittelpunkt macht, und auf die mit unvermeidlicher Konsequenz jede Häresie stets hinausläuft”.[8]

So hatte der Kampf aller heiligen Kirchenväter gegen die verschiedenen Häresien den Zweck, einerseits die ganze Wahrheit zu erhalten – was eine unentbehrliche Voraussetzung für die Rettung des Menschen ist – andererseits den Menschen selbst in der Arche der Kirche, die der Leib Christi ist, zu halten. Dieser Kampf ist, so kann man sagen, ihr größter Beitrag an die Kirche. Das ist auch der Grund, warum sie nie eingewilligt haben, mit den Häretikern auf einer gemeinsamen Glaubensbasis zusammenzuleben und sich damit zu begnügen, einen Teil der Wahrheit zu behalten, sondern kämpften dafür, sie vollständig zu bewahren, denn nur so bleiben sie in der Wahrheit, und nur so ist ihre Rettung möglich. Die Methode, die heutzutage angewandt wird, d.h. nicht die Unterschiede anzuführen, sondern die gemeinsamen Punkte zu stark zu betonen, wurde nie von den Kirchenvätern als Ausgangsbasis für ihre theologischen Streitgespräche mit Häretikern akzeptiert. Im Gegenteil, sie setzten Ökumenische Konzile ein und kämpften so viel, nicht für eine gemeinsame Glaubensbasis und nicht, um zu sehen, welche gemeinsamen Punkte sie mit den Häretikern verbindet,  sondern vielmehr um herauszustellen, welcher Punkt der Lehre der Häretiker die Wahrheit und folglich die Einheit des Glaubens auseinander reißt. Wenn der Kirche andererseits die Bewahrung und Aufrechterhaltung des überlieferten Glaubens, der Tradition, so wie sie sie empfing: wahr, rein und unverfälscht, gleichgültig ist, dann ist sie nicht die Kirche Christi, Sein Leib, sondern eine menschliche Organisation oder eine politische Ideologie, die sich darum bemüht, politische oder humanistische Ziele zu verwirklichen, die jedoch überhaupt nichts mit Christus, seinem Kreuzestod und der Erlösung zu tun haben.


ANMERKUNGEN

1 )  G. Metallinos, Was ist Orthodoxie, Athen, 1980, S.19.

2 )  G. Metallinos, a.a. O.S. 19

3 )  G. Metallinos, a.a. O.S. 19

4 )  G. Metallinos, a.a. O.S. 19

5 )  G. Metallinos, a.a. O.S. 20 – 21.

6 )  G. Metallinos, a.a. O.S. 21.

7 )  G. Metallinos, a.a. O.S. 21.

8 )  G. Metallinos, a.a. O.S. 23.

Übersetzt von Hedwig Kondolemakis

© Petros Botsis: Was ist Orthodoxie ::: imglyfadas.gr ::: 2008

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