Athos, Orthodoxie, Mönchtum

ATHOS – ORTHODOXIE – MÖNCHTUM

Was ist der heilige Berg? Zunächst, jenes faszinierende Land, welches „Garten der Mutter Gottes“ genannt wird. Eine Halbinsel im Thrakischen Meer, die sich, von einer sanften, bewaldeten Hügelkette beginnend 60 km über mittelgebirgsartige Höhen und Täler bis zu einer gewaltigen marmornen Bergpyramide von 2033 m erhebt, um in wildzerklüfteten Steilhängen gen Südosten ins Meer abzufallen.
Als ich den Heiligen Berg nach meinem Noviziat das erste Mal wieder verlieβ, bot sich auf dem Rückweg das folgende eindringliche Bild. Auf dem höchsten Punkt der alten Straβe, die von Himmelstadt über die makedonischen Berge nach Thessaloniki führt, kann man das weite Land überblicken. An dem Tag lag ein dunkler Wolkenkranz um den Horizont und umhüllte die Berge der Umgebung. Es hatte geregnet und eine erquickende Feuchte lag über dem Land. Mit einem Mal lichteten sich die Wolken im Osten und die rotglühende Pyramide des Heiligen Berges erschien wie thronend über den Wolken in der lichten Weite des Abendhimmels…
Athos ist ein Ort des Gebetes, der himmlischen Ruhe und der Heiligkeit. Athos ist Ort geistigen Kampfes und der Überwindung. „Hort der Orthodoxie“, „Herz und heiliger Schrein der Christenheit“. Athos ist das gröβte und zugleich das einzige noch erhaltene mönchisch-geistige Zentrum Europas – seit der Zerstörung Tibets 1956 vielleicht das einzige in der Welt.
Schon in vorchristlicher Zeit gab es Tempel und Heiligtümer, ein mesolithischer Opferstein z.B. liegt neben der Einsiedelei der Heiligen Anargyren einhundert Meter über dem Weg von Lawra zum rumänischen Kloster des Vorläufers. Seit Anfang der Kirche gibt es zurückgezogene Einzelne oder kleine Gemeinschaften, die in der paradisischen Abgeschiedenheit Ruhe in Gott suchen und finden. Die ersten ausgesprochen mönchischen Ansiedlungen datieren aus dem 5. Jahrhundert (nach ungesicherter Überlieferung sogar bereits aus dem 3. Jh.), die ersten heute noch existierenden Klöster Rawdochou und Prokopiou aus dem 8./9. Jh. Und schlieβlich erfolgte die Gründung des politisch und kirchlich autonomen Gemeinwesens als Mönchsrepublik mit dem Bau der ersten kaisrlich- patriarchalen Erzabtei Megisti Lawra und der Inkrafttretung des Tragos – der Verfassung des Heiligen Berges Athos – im Jahre 962 n. Chr.
Heute liegen auf dem „Territorium der allheiligen Mutter“ 20 Groβklöster mit bis zu 70 Mönchen, und hunderte kleinere und kleinste Klöster, Zellen, Ensiedeleien und Asketenhöhlen. Nachdem es in den 60er Jahren schien, wie wenn der Heilige Berg ausstürbe, haben inzwischen über 1300 junge Männer aus Griechenland und der ganzen Welt den Weg gefunden und sind in das zweitausendjährige Erbe des orthodoxen Mönchtums eingetreten. In der Vielzahl der Nationalitäten, in den verschiedenen Liturgiesprachen in den – den jeweiligen Völkern zugeordneten – Klöstern spiegelt Athos, zumindest ideell, die Ökumenizität und Katholizität der Orthodoxie wieder.
Wenn man versucht, das orthodoxe Mönchtum zu begreifen, wird man von den Vorstellungen und Klischees ausgehen, die man vom westlichen, also vom römisch-katholischen Mönchtum oder vom buddhistischen und fernöstlich-asiatischen Mönchtum hat. Wenn es auch in der äuβeren Erscheinung Ähnlichkeiten gibt -Gebet und Arbeit, Kult, Ehelosigkeit, Armut, usw.- so kommt man doch nicht sehr weit damit. Die Geistigkeit, die Art und Weise der Glaubenspraxis, ja die asketische Konzeption als ganzes weist wesentliche Unterschiede auf. Es ist eigentlich verwunderlich bis erschreckend, in Welch hohem Maβe auch gebildete mitteleuropäische Menschen -auch christlich orientierte- über das Wesen der Orthodoxie und des orthodoxen Mönchtums desinformiert sind. Daran ändern weder die Menge der romantisierenden oder der kritisch-locker-jovialen Reisebeschreibungen, noch weniger die fromm-erbaulichen oder die wissenschaftlichen Darstellungen etwas. Leider sind auch gerade die in der Bewegung des „New Age“ verbeiteten Vorstellungen von Spiritualität und Geistigkeit einem wirklichen Verständnis des orthodoxen Mönchtums eher abträglich, indem sie das Wesen des Christentums entweder gar nicht kennen, oder bewuβt verfälschen, um es in die neuen Glaubenssysteme (die sich dabei meist betont unsystematisch gebärden) einzupassen. Hinzu kommt das Problem, daβ Viele unter schlechten persönlichen Erfahrungen und Enttäuschungen im ihnen bekannten christlichen Kontext leiden oder -zu Recht- Kritik an der historischen Verfälschung und des Miβbrauches des Christentums zu Zwecken der Macht üben. Auf diese Weise ist die Sicht auf die Tatsache vernebelt, daβ in der -wesenhaft, nicht konfessionalistisch verstandenen- christlichen Orthodoxie ein lebendiger Schatz verborgen liegt, den zu gewinnen mancher, wenn er ihn nur kennte, gerne sein Leben gäbe, nach dem Worte Jesu: „Wer sein Leben behalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es erhalten“.
Man kann das orthodexe Mönchtum nicht verstehen ohne die orthodoxe Kirche. Der orthodoxe Kirchenbegriff ist weit weniger organisatorischer, institutioneller oder gar juristischer Natur als vielmehr geistig, mystisch und sakramental. Damit ist er dem westlichen (sei es dem lateinischen oder auch dem protestantischen) Kirchenbegriff zwar nicht entgegengesetzt, aber die Gewichte liegen doch sehr anders. Die Einheit der Kirche bedarf keiner übergeordneten Zentralgewalt, noch ist sie bereits durch ein einfaches Bekenntnis oder gefühlsmäβige Zugehörigkeit gegeben, sondern liegt in der Treue zum orthodoxem christlichen Glauben der alten Kirche und zu ihrer liturgischen, geistigen und sakramentalen Überlieferung. Die dezentrale Struktur wird ermöglicht durch ein Höchstmaβ an inhaltlicher Bewuβtheit und geistiger Integrität. Ein wesentlicher Träger dieser geistigen Integrität und Identität der Orthodoxie ist das Mönchtum.
Zum Vergleich für die Struktur der orthodoxen Kirche bietet sich die moderne parlamentarische Demokratie mit ihren voneinander unabhängigen Gewalten an : Die „Gewalten“ der Kirche sind dabei 1. das gesamte gläubige Volk, 2. das Priestertum (Bischofsamt, Klerus), 3. das Mönchtum, und 4. der Theologenstand, der übrigens ein ausgesprochener Laienstand ist. Diese 4 Gewalten wirken zusammen nach den Prinzipien : 1. Synergia: das ist das übergeordnete Prinzip des Zusammenwirkens von Gott und Mensch, geistigem ewigen und irdischem zeitlichen Sein, aber auch der einander zugeordneten Stukturen, im Sinne eines intakten Ökosystems. 2. das Prinzip der Synodalität : das meint die kollegialen Zusammenkünfte der Bischöfe und der Vertreter der Klöster, der Gemeinden und der Theologen zur Klärung aller wichtigen gemeinsamen Fragen 3. u. 4. die einander ergänzenden Prinzipien der Hierarchie und der Autonomie : deren ersteres die von Gott zum Menschen Herabkommende Gnade symbolisiert und die Authentizität der Weihenachfolge und der Sakramente gewährleistet, während das andere (nur scheinbar widersprüchliche) Bedingung und Ausdruck der „Vollreife in Christo“ sowohl der einzelnen Christen wie auch der örtlichen Gemeinschaften ist indem es die Unabhängigkeit der Gemeinden, Klöster, Diözesen und Landeskirchen auf je ihrer Ebene garantiert. Dadurch ist die Orthodoxie auch weitgehend gegen machtpolitische oder sonstige Beeinflussung oder Verfälschung immunisiert, da selbst, wenn eine Gewalt zu Zeiten korrumpierte, die anderen eingreifen können.
Über diesen „Gewalten“ steht dabei die „Autorität“ des Gebetes und der Liturgie wie ein genetischer Code, der die immerwährende Erneuerung, Durchwaltung mit dem Heiligen Geist gewährleistet. Beide, Gebet und Liturgie, sind Mysterion, sind sakramental. Die Liturgie ist die kultische Anbetung der Kirche, in welcher die kollektive Gotteserfahrung der Gesamtheit der Kirche (aller Engel und Heiligen, Väter, Bekenner und Asketen, Apostel und Martyrer, also des gesamten überzeitlichen Leibes Christi) und damit die Fülle und Ganzheit des christlichen Glaubens und Lebens für jeden Einzelnen stets neu aktualisiert wird. Von daher erklärt sich die tiefe Bedeutung, die die Orthodoxie dem heiligen Kult beimiβt, womit sie denn auch eine profunde Position gegen die ansonsten allgemein verbreitete säkularistische Anschauung von der Beliebigkeit und Austauschbarkeit der „religiösen Formen“ einnimmt. Das Gebet ist das Lauschen auf die Stimme Gottes, die Entwicklung der geistlichen Wesenheiten, vor allem unserer Selbst. Das setzt -zumindest in einem gewissen Maβe- ein asketisches Leben für jeden Christen voraus, wobei Askese hier nicht als Selbstkasteiung gemeint ist, sondern als Übung des Bewuβtseins, wozu auch die notwendige „Dekonditionierung“ gehört, also die Erfahrung irdischer Bedingtheit und Unzulänglichkeit gesellschaftlicher Normen, Anschauungen und Erfahrungsweisen.
Das Mönchtum ist deshalb Träger der geistigen Integrität und Identität der Kirche, weil es das Leben der Askese par excellence ist. Durch seine Autonoie und Abgeschiedenheit ist es dem „tagespolitischen Geschehen“ zeitbedingter soziologischer wie geistig-theologischer Strömungen ebenso wie dem ganzen -notwendigen- weltlichen Betrieb der (irdischen) Kirche weitgehend entzogen. Für ihre mittelbare oder unmittelbare Predigt stehen die Mönche mit der Gesamheit ihrer Existenz ein. Vor allem aber gewinnt das Mönchtum durch sein inneres Mysterium, seinen sakramentalen Wandlungsprozeβ, ein Höchstmaβ an Authentizitäat und Unmittelbarkeit Gott- menschlicher Liebes- und Heilsbeziehung. Das orthodoxe Mönchtum hat somit die Qualität einer überhistorischen -Historizität, kulturelle, ethnische, psychische usw. Bedingtheiten übergreifenden -Daseinweise. Daher liegt in diesem Mönchtum die Kraft, welche Kirche, Dogma, Liturgie, Glaube usw. zu transzendieren und zugleich in höchstem Maβe zu erfüllen vermag. Aus diesem Grunde hat man das orthodoxe Mönchtum auch als das „pneumatisch-charismatische Element“ der Kirche bezeichnet.
Aus diesen Zusammenhängen wird deutlich, warum die Orthodoxie keine Mönchsorden im westlichen Sinne kennt, wie überhaupt keine der kirchliche Zentralismus, der etwa für die römische Kirche so wesentlich ist, auch dogmatisch abgelehnt ist. Auch das Mönchtum ist nicht in einen kirchlichen Apparat eingegliedert, sondern hat seine frühchristliche Autonomie bewahrt: Jedes Kloster verwaltet sich selbst, und auf Wahl oder Einsetzung des Abtes hat keine auβenstehende Institution ernsthaften Einfluβ. (Dieses Prinzip wurde lediglich in Ruβland seit Peter dem Groβen und im sowjetischen Totalitarismus auβer Kraft gesetzt) Diese Unabhängigkeit bedeutet aber keineswegs, daβ das  Mönchtum eine „Gegenkirche“ bildete oder daβ Chaos und Unordnung Tor und Tür geöffnet wären, wie westliche Theologen gerne befürchten. Vielmehr ist damit die „Unabhängigkeit der Gewalten“ gewährleistet, die die Voraussetzung ihres harmonischen Zusammenwirkens ist, und häretische Tendenzen sind in dieser Art von Mönchtum ohnehin durch die tiefe Treue zur lebendigen Überlieferung, durch die asketische Konzeption und vor allem durch den sakramentalen Charakter des Mönchtums ausgeschlossen.
Ein weiteres wesentliches Merkmal des orthodoxen Mönchtums ist neben seiner inneren und organisatorischen Autonomie die wesentliche Bedeutung, die der Entwicklung einer tiefen und innigen Liebesgemeinschaft beigemessen wird. Während sich etwa der römisch-katholische Mönch vor allem -neben den „Evangelischen Räten“- auf eine bestimmte Regel, einen Orden, auf die Gefolgschaftstreue zum Papst oder allenfalls auf einen Ort (bei den Benediktinern) verpflichtet, bindet sich der orthodoxe Mönch zutiefst an seinen Abt. Und -meist in einem zweiten Schritt- an die Mönchsgemeinschaft, in der er zu leben gedenkt- also an konkrete Menschen. Der Gedanke, daβ irgendeine übergeordnete Institution einzelne Mönche oder Nonnen aus ihrer Gemeinschaft entfernen und zu bestimmten Diensten woandershin entsenden, ist in der Orthodoxie ganz undenkbar. Das Konkrete -also die Mitbrüder, der Abt, die Gäste haben eindeutigen Vorrang vor dem Abstrakten -kirchlicher Dienst, Amt, Institution usw. Die tatsächlich erwiesene Liebe zum realem Mitbruder und die Treue zur konkreten Gemeinschaft rangiert eindeutig vor der theoretisch-abstrakten Liebe zu allen Menschen und zur ganzen Welt, auch wenn das unter Umständen erst eimal sehr desillusionierend wirken mag. Dem liegt eine bestimmte asketische Konzeption zu Grunde. Viele Menschen haben die Vorstellung -und manche Erfahrungen mit dem hier bekannten Mönchtum mögen das bestärken – daβ sich im Mönchtum stets eine dualistische Tendenz äuβere: das irdische Leben, insbesondere die Geschlechtlichkeit des Menschen, das Fleisch, werden als solches negativ bewertet -„Quelle des Leidens“, „Verhängniskette der Wiedergeburt“, oder als „sündige Natur des Menschen“. Daher wird der Versuch unternommen, durch die Verneinung oder Sublimierung all dieser Aspekte dem Leiden der fleischlichen Existenz zu entraten, oder durch zusätzliches, selbsterwähltes Leiden wie Selbstkasteiung, Isolation u.a. sich wenigstens im Jenseits einen besseren Platz zu erwerben. Jede tiefe, über das allgemein geregelte Maβ hinausgehende Bindung oder Freundschaft wird dann leicht nur als Quelle der Versuchung oder als Hindernis der „reinen“ Gottesliebe angesehen und daher unterbunden. In strengen Klöstern ist sogar das Gespräch zwischen den Mönchen verboten und nur die Beichte bei einem Priester, der nicht einmal zum Kloster gehört, erlaubt. Es sei dahingestellt, wie richtig oder falsch solche populären Vorstellungen im Hinblick auf das lateinische oder das fernöstliche Mönchtum sein mögen. Für die Orthodoxie sind sie sicher falsch. Gerade in der Überwindung des Dualismus, in der Neuheiligung der Materie durch Gottes Fleischwerdung in Jesus Christus sieht die Orthodoxie den zentralen Punkt christlicher Offenbarung. Diese Heiligung der Materie äuβert sich vor allem auch in der kultischen Verwendung der heiligen Bilder (Ikonen). Aber natürlich muβ sie auch dem asketischen Konzept des orthodoxen Mönchtums zu Grunde liegen. Fasten, Askese, Übungen sind daher keine Werte oder Verdienste an sich, sondern allein Mittel zum Zweck. Vielmehr geht es um Heiligung, Wandlung, Durchdringung aller Aspekte des Lebens mit Geist. Nach den Anweisungen der „Himmelsleiter“ des heiligen Mönchsvaters Johannes vom Sinai (4. Jrh) geht es im Mönchtum um Reinigung von allen verfälschten, bedingten, anerzogenen usw. Zufügungen des Menschen und um die Läuterung und Entfaltung des wahren inneren wesens, des unsprünglichen Selbst, welches von Gott ist, „Gottes reiner Gedanke von diesem Menschen“ wird wiederhergestellt. Was dann als Neues entsteht, ist die Gestalt des wahren, von Gott gemeinten Menschen, die Person. Die Verfälschung des Menschen, die Erbsünde, liegt also mitnichten in unserer Fleischlichkeit, sondern ist vielmehr ein geistiges Prinzip: das Streben des Menschen, selbst Gott zu sein, welches sich gerade auch in religiösem Gewande wie z.B. in der gnostizistischen Idee der Selbsterlösung äuβern kann. Darum ist im orthodoxen Mönchtum mehr noch als die äuβere Reinheit die Reinheit des Herzens gefordert, worin denn die mönchische Keuschheit vor allem anderen besteht: „wenn Du Opfer wolltest, ich gäbe sie Dir, aber Brandopfer freuen dich nicht. Ein würdiges Opfer vor Gott aber ist ein geläuterter Geist; ein klares und demütiges herz wird Gott nicht vorachten..“ (klösterliches Nachtgebet). Erst aus dieser inneren Keuschheit erwächst jene Klarheit und Kraft, die wesentlichen, nämlich die geistigen Sünden zu bekämpfen, von denen die körperlichen mitunter Symptome sind, die aber zumeist so subtil verborgen sind, daβ nur das geübte Auge eines echten Abtes/geistlichen Vaters sie überhaupt wahrnimmt. Es heiβt nicht umsonst in einem fliegenden Wort, daβ der Teufel der gewandteste Theologe, der gröβte Asket, der geschliffenste Geist und der charmanteste Verführer sei. Die Macht aber gegen den Satan, gegen Selbstverblendung und Hochmut schlechthin ist die Demut und die Liebe. Deshalb ist die demütig liebende Hingabe an die konkreten Mitbrüder ein notwendiger und unverzichtbarer Bestandtell der asketischen Konzeption orthodoxen Mönchtums. Erst wer in dieser Liebe über Jahrzehnte hin erprobt ist, kann den gefährlichen und nur im besten Falle segensreichen Weg völliger Anachorese auf sich nehmen, um ununterbrochen in der gnadenhaften Schau des lebendigen Antlitzes Gottes zu verweilen.
Die drei Säulen des orthodoxen Mönchtums sind 1. Das Chorgebet, welches gemeinsam im Tempel gefeiert wird gemäβ der kultischen Überlieferung der alten Kirche, 2. Das „ewige Gebet“ oder Herzensgebet, welches in einfacher Form in der Orthodoxie weit verbeitet ist, welches dann aber im Kloster der einzelne Mönch von seinem geistlichen Vater erlernt und ohne Unterbrechung praktiziert, und 3. Die Liebesgemeinschaft des gegeseitigen Dienens und des unabdingbaren inneren und äuβeren Gehorsams gegen den Abt. Voraussetzung für diesen Weg ist die freiwillige bewuβte Entscheidung zur vollkommenen Hingabe und zum Verzicht auf Ehe und jedwede weltliche Bindung, auf persönlichen Besitz und auf alle Ehrungen oder Zerstreuungen. Das Mysterium des Mönchtums kann man als die persönliche Muttergottesschaft des Menschen beschreiben: So, wie die allheilige Mutter Maria in vollkommener Reinheit und Lauterkeit das göttliche Wort gehört, den Geist empfangen und Christum in die Welt geboren hat, so ist das ganze Leben des Mönchs ein einziges sich öffnen für Gott, ein stetes Harren, Lauschen und Empfangen des heiligen Geistes und daraus ein Verwirklichen und Erfüllen des Ewigen Wortes, welches unser einiziger wahrer Herr und Heiland Jesus Christus ist. Im Mönchtum wird die Nachfolge Christi radikal, die tausend faulen -und vielleicht notwendigen- Kompromisse der in der Welt etablierten Kirche werden hier, im Innersten des Tempels der Christenheit, auβer Kraft gesetzt und Raum geschaffen für wirkliche Wandlung, für eine Lebensrealität des christlichen Mysteriums, wie sie in solcher Intensität einzigartig ist.
Auch eine solche nur allgemeine Einführung wäre unvollständig, verschwiege man, daβ der mystische Wandlungsprozeβ die Gänze der persönlichen Existenz zum Einsatz fordert. Es bleibt keine Domäne von Ich-zentriertem Individualismus übrig. Auch ist die Entscheidung zum Mönchtum stets absolut und endgültig. Das ist der Grund, weshalb es lange Zeiten der Eprobung und Prüfung gibt, bevor jemand die heiligen Weihen empfangen kann. Völlige Klarheit, Gesundheit und Verantwortlichkeit braucht, wer diesen Weg gehen will, denn „wer die Hand an den Pflung legt und sieht zurück, ist nicht geschickt zum Reiche Gottes“ (Luc. IX 52).
Andererseits erwartet kein vernünftiger Mensch in der Orthodoxie vom Mönch asketische Perfektion oder Heiligkeit. Unabdingbar ist indes der feste Wille zur Buβe, die Eindeutigkeit im Voranschreiten auf dem Wege und die Konsequenz der Hingabe. Das orthodoxe Mönchtum ist nicht Perfektion, sondern Unbedingtheit.
Die scharfe Trennung von der Welt, den weltlichen Menschen und vor allem die äuβere und innere Enthaltung vom je anderen Geschlecht ist keineswegs dualistisch-gnostizistische Materiefeindlichkeit oder gar verdeckte Frauen-respektive Männerfeindlichkeit, wie oft miβverstanden wird. Vielmehr sind dies die wichtigsten Voraussetzungen des -wenn man so sagen darf- „alchemistischen Wandlungsprozesses“, in dem sich das Mönchtum erzeugt. Die in unserer Natur angelegten und in unserem Enkulturationsprozeβ verschärften psychologischen Mechanismen, die zwischen Mann und Frau stattfinden -und die geheiligt in der Ehe ein eigenes echtes Sakrament wirken -erweisen sich für den hier behandelten mystischen Wandlungsweg als zutiefst destruktiv: Wo geschlechtliche Projektionen und Übertragungen überhaupt möglich sind, finden sie auch statt. Das ist an sich weder sündig noch besonders wertvoll, noch hat es unbedingt mit Sexualität zu tun. Doch so, wie bestimmte wertvolle chemische Verbindungen nur unter Ausschluβ von Sauerstoff entstehen, bedarf es für den mönchischen Wandlungsprozeβ der Trennung der Geschlechter. Die wenigen Versuche, wo Mönche und Nonnen zusammenleben (Syneisaktenklöster) verfehlten alle ihre Intention und entwickelten sich bestenfalls zu intensiv miteinander labenden Kirchgemeinden hohen Niveaus, wobei eine gewisse Zahl der Mitglieder sich in traditionelle Klöster zurückzog. Nur wo auch die äuβeren Bedingungen für den mönchischen Wandlungsvorgang gegeben sind, kann er wirklich stattfinden.
Dieser Wandlungsprozeβ ist Sakrament: es ist auf das Mysterium der persönlichen Muttergottesschaft hingewiesen worden. Das Bild der Mutter Gottes, wie auch der Kirche oder des Tempels („Der Leib ist Tempel des Geistes“) ist weiblich. Im Verhältnis zu Gott ist der Mensch weiblich, also stets empfangend – was jedoch alles andere als ein passives Geschehenlassen ist. Notwendig ist der Liebeswille auch des Empfangenden und sein schöpferisches Mitwirken. Auch und besonders hier, im asketischen Weg, gilt das Prinzip der Synergia. Die Scheu vor dem Mysterium verbietet ein weiteres verbal definierendes Eindringen, die wesentliche Einsicht in das Geschehen muβ dem Leben vorbehalten Bleiben, welches sich als Opfer selbst wirklich gibt, dem bleibt ein Wesentliches notwendig vorbehalten. Soviel sei aber noch angedeutet, daβ das Mysterium der Gottesmutterschaft im Mönchtum in besonderer Weise auf das „Material“ des menschlichen Lebens Einzelner überträgt, was -nach orthodoxer Theologie- im Mysterium des heiligen Abendmahles sich vollzieht an dem „Material“ von Brot und Wein. Bezeichnenderweise ist auch die Symbolik des Kelches weiblich. In der Liturgie ist der Priester das einzige männliche Symbol, und seine Aufgabe darin ist, von der Ewigen Mutter, der Kirche, das gewandelt zu empfangen, was er stellvertretend für die Gemeinde und als Ausdruck ihres höchsten Bewuβtseins am Altar darbringt. Das Mysterium der Liturgie -die Wandlung der Gaben- wird wiederum gewirkt von Gott dem heiligen Geist.
Dasselbe gilt für das Mysterium des Mönchtums. Dergestalt erweist es sich als Sakrament neben der Ehe und neben dem Priestertum, von beiden grundverschieden, im Leib der Kirche indes notwendiges Organ der Entgiftung, Läuterung und der Erneuerung.
Der Heilige Berg Athos ist als orthodoxes mönchisches Zentrum gewissermaβen Leber und Niere der Kirche. Aber zugleich Symbol und Bild des orthodoxen Mönchtums überall auf der Welt. Der Aufstieg über die Bergkaette der athonitischen Landschaft bis in die einsame Höhe seiner Gipfelpyramide, wo der Tempel der Verklärung steht und von wo aus man die „heilige Stadt“ sehen kann, ist Bild des Aufstiegs zu Gott. Die Massivität dieser weithin sichtbaren Alpe ist Symbol der Substantialität des orthodoxen Glaubens, „Fels der Kirche“. Wohl dem Land und dem Volk, wo solcher Athos sich erhebt, wohl dem, der dieses Bild -wenigstens als flüchtige Erfahrung- im Herzen trägt. Die Orthodoxie ist in ihrer zweitausendjährigen Überlieferung nicht nur die älteste noch lebendige christliche Kirche, in ihrer Beharrlichkeit auf dem urchristlichen Erbe und der liturgischen und Glaubensüberlieferung der alten Kirche nicht nur Maβtab der Rechtgläubigkeit, sondern vor Allem bietet sie uns Heutigen in ihrem Zeugnis ständiger Erneuerung aus dem Geist den Weg der Versöhnung.
Gerade in unserem an echter christlicher Geistigkeit armen und in seiner Identität desorientierten Mutterland ruft uns die Stimme des Heiligen Berges auf, die christlichen Wurzeln unserer Kultur neu zu entdecken und aus ihnen das, was im Laufe der Geschichte allzuoft verfälscht und miβbraucht worden ist, zu sühnen, und -auch als Volk- einen geläuterten christlichen Neuanfang zu wagen.

Von Abt Jochannes
Deutsches Orthodoxes Dreifaltigkeitskloster  Buchhagen

©  Heiliges Kloster ”Pantokratoros” ::: impantokratoros.gr  ::: 2000-2009

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